CoVid-19 bremst Mobilitäts Start-ups

18.05.2020

München In der Automobilbranche wird nach 2020 nichts mehr so sein wie in den starken Jahren zuvor. Die Corona-Krise trifft die Industrie weltweit schwer in einer ohnehin heiklen Phase des Umbruchs. Das bekommen auch die Mobilitäts-Start-ups zu spüren. Während die Newcomer 2019 dank immenser Kapitalspritzen rasch an Reife gewinnen konnten, zeigen sich jetzt erste Anzeichen abnehmender Investitionen. Welche Start-ups dennoch Chancen auf eine führende Rolle im Mobilitätsmarkt der Zukunft haben, zeigt eine aktuelle Oliver Wyman-Analyse.

2019 war ein gutes Jahr für Mobilitäts-Start-ups, die mit hohem finanziellen Einsatz und innovativen Geschäftsmodellen auf den Mobilitätsmarkt drängten. Der aktuelle „Mobility Start-up-Radar“ der Strategieberatung Oliver Wyman zeigt: 36,2 Milliarden US-Dollar flossen 2019 an Automotive-Start-ups weltweit, die mittlere Investitionssumme pro Finanzierungsrunde lag bei 31 Millionen Dollar. Das entspricht zwar einem Rückgang gegenüber dem Rekordjahr 2017, als noch 48,8 Milliarden Dollar in diesen Sektor investiert und im Schnitt 36 Millionen ausgeteilt wurden. Allerdings zeigt sich ein steigender Reifegrad der Mobilitätsgründungen.

Geldgeber werden wählerischer, zeigen aber entschlossenen Einsatz, wenn sie sich festgelegt haben: „Während seit 2015 die Zahl der Finanzierungsrunden nahezu stagniert, hat sich die eingeworbene Summe pro Unternehmen mehr als verdoppelt“, sagt Andreas Nienhaus, Partner bei Oliver Wyman. 1.169 Finanzierungsrunden zählten die Experten im Jahr 2019, vier Jahre zuvor waren es auch schon 1.077 – doch damals flossen im Schnitt nur 14 Millionen Dollar. „Es sind zunehmend Autohersteller und große Tech-Unternehmen, die durch den Zukauf von Start-ups Innovationskraft an Bord holen. Dass diese im Zuge der Corona-Krise das hohe Investitionsvolumen beibehalten werden, wird immer unwahrscheinlicher, denn die Krise trifft insbesondere die Autohersteller hart.“

Das zeigt der Blick nach China: Mit Investitionen in Mobilitäts-Start-ups von 10 Milliarden US-Dollar in 2019 ist China nach den USA der zweitgrößte Markt für Mobilitäts-Start-ups. Seit Dezember 2020 konnte dort laut Start-up Genome bereits ein Rückgang von 74 Prozent der Series-A-Deals festgestellt werden – auch in Europa, USA und anderen asiatischen Ländern gingen die Deals zurück. „Die Zeiten sind hart für Mobilitäts-Start-ups. Doch wer seine Liquidität sichern kann und ein solides Geschäftsmodell hat, kann die Krise durchstehen“, sagt Nienhaus.
 

Liquidität und Geschäftserfolg entscheiden

Um zu überleben kommt es jetzt auf Liquidität und Geschäftserfolg an. Early-Stage-Start-ups mit geringen Fixkosten und schlanken Strukturen haben gute Chancen, genauso wie Start-ups, die gerade Investitionsrunden abgeschlossen haben“, betont Matthias Bentenrieder, Partner und Automobilexperte bei Oliver Wyman. Für die wenigen Mobility Start-ups, deren Umsätze trotz der Krise stabil bleiben, stehen naturgemäß die Chancen ebenfalls gut. Ein Blick auf die vier Innovationssektoren des Oliver Wyman Start-up-Radars zeigt, dass Covid-19 unterschiedliche Konsequenzen haben dürfte. Unterschieden wird zwischen Mobilitätsdiensten, „Green Vehicles“, Anbietern für autonomes und vernetztes Fahren sowie Sales und Aftersales.

Bereits 2019 zeigte sich ein Rückgang der Investitionen in die Top 10 der vielversprechendsten Mobilitätsdienste aus dem Start-up-Radar: von 6,9 Milliarden im Jahr 2018 auf 3,6 Milliarden im Folgejahr. Themen wie Car-Sharing, Ride-Hailing und der Verleih von E-Scootern verlieren an Glanz – auch infolge gesellschaftlicher Debatten. „Die veränderte Wahrnehmung in der Bevölkerung nimmt direkten Einfluss auf die Nachfrage – und nicht alle Mobilitätskonzepte und Anbieter sind so grün und sozial nachhaltig, wie sie anfangs erschienen.“ Hinzu kommt nun: In Zeiten von Covid-19 wird Ridesharing auch als Sicherheitsrisiko gesehen, die Nachfrage ist seit Anfang des Jahres in verschiedenen Regionen um bis zu 80 Prozent eingebrochen.

Sogenannte „Green Vehicles“, vor allem E-Autos inklusive der intelligenten Ladeinfrastruktur, erreichten 2019 noch sehr gute Werte. 6,9 Milliarden Dollar warben die zehn Top-Kandidaten des Start-up-Radars in diesem Sektor im Vorjahr ein ­– eine Steigerung um 163 Prozent im Vergleich zu 2018. Der positive Trend dürfte 2020 unterbrochen werden, denn grüne Antriebstechnologien müssen kurzfristig mit Supply-Chain-Unterbrechungen und mittelfristig mit verringerter Nachfrage und weniger Anreizen durch Regulatoren rechnen.

Das zurzeit noch kleine Feld des autonomen Fahrens wuchs gemäß Start-up-Radar 2019 mit Abstand am stärksten: Mit 4,6 Milliarden Dollar sammelten die 10 Start-ups dieses Sektors nahezu das Zehnfache der Investitionen des Vorjahres ein. Auch für die Zukunft stehen die Zeichen gut. „Selbstfahrende Fahrzeuge werden zwar zunächst aufgrund der Krise Unterbrechungen bei der Entwicklung sehen, Investitionen könnten krisenbedingt zurückgehen“, sagt Bentenrieder. „Jedoch gibt es auch große Chancen: Selbstfahrende Autos dürften mit Blick auf ‚Social Distancing‘ gefragter sein denn je.“

Start-ups im Sales und Aftersales, die Online-Verkaufsplattformen oder innovative Kundendienste anbieten, erhielten im Jahr 2019 Finanzierungen von 2,7 Milliarden Dollar, ein leichter Rückgang im Vergleich zu den Vorjahren. Folgen der Coronakrise sind auch hier zu erwarten. Die anstehende Wirtschaftskrise dürfte trotz eines gewissen Nachholeffekts beim Autokauf dazu führen, dass in Summe weniger Fahrzeuge gekauft werden und insbesondere den Kauf von Neu- und Gebrauchtwagen belasten. Auf der anderen Seite könnte dies dem Bereich des Aftersales zugutekommen, da Autos nun länger genutzt werden. „In diesem Bereich gilt es jetzt neue Angebote zu schaffen“, sagt Bentenrieder.
 

Bestmöglich für die Zukunft aufstellen

„In erster Linie heißt es nun für Start-ups zu überleben und sich bestmöglich für die Zukunft aufzustellen“, so die Autoren des Reports. Das heißt: Ausgaben kürzen, Preise senken, Fixkosten neu verhandeln und mögliche Angebote der Regierung in Anspruch nehmen. Für Autohersteller ergeben sich neben den omnipräsenten Risiken auch Möglichkeiten, weiß Nienhaus: „In einer Krise wie dieser können strategische Investoren attraktive Investitionsziele finden und sollten daher mögliche Partnerschaften und Akquisitionen nicht kategorisch ausschließen.“

Insbesondere nach Beendigung der Krise werden diejenigen Autohersteller und Investoren als Sieger im Bereich Mobilität hervorgehen, die es verstehen schnell und konsequent das entstandene Vakuum auszunutzen. „Für die Autohersteller gilt jetzt mehr denn je, eine langfristige Mobilitätsstrategie zu definieren und so schnell wie möglich die kurzfristigen Weichen für die Zeit unmittelbar nach Krisenende zu stellen“, sagt Nienhaus.
 

Pressekontakt
Maike Wiehmeier
Senior Communications Manager
Tel. +49 89 939 49 464
maike.wiehmeier@oliverwyman.com

 

ÜBER OLIVER WYMAN

Oliver Wyman ist eine international führende Strategieberatung mit weltweit über 5.000 Mitarbeitern in 60 Büros in 29 Ländern. Wir verbinden ausgeprägte Branchenexpertise mit hoher Methodenkompetenz bei Digitalisierung, Strategieentwicklung, Risikomanagement, Operations und Transformation. Wir schaffen einen Mehrwert für den Kunden, der seine Investitionen um ein Vielfaches übertrifft. Wir sind eine hundertprozentige Tochter von Marsh & McLennan (NYSE: MMC). Unsere Finanzstärke ist die Basis für Stabilität, Wachstum und Innovationskraft. Weitere Informationen finden Sie unter www.oliverwyman.de. Folgen Sie Oliver Wyman auf Twitter @OliverWyman.

 

CoVid-19 bremst Mobilitäts Start-ups


DOWNLOAD PDF