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Blockchains in der Supply Chain

“Edi-on-dope” oder viel mehr?

Von Cornelius Herzog and Philipp Oest
Dieser Artikel erschien in ähnlicher Form zuerst in der Lebensmittelzeitung.

Intransparenz aufgrund nicht konsistenter oder sogar nicht verfügbarer Daten, manuelle Arbeitsschritte mit viel „Papierarbeit“, fehlende Integration und Schnittstellenprobleme sowie begrenzte Informationen über Lebenszyklus und Transporthistorie der Produkte: Dies ist nur eine Auswahl der Probleme, die die heutigen Supply Chains, bei denen meist eine Vielzahl an Unternehmen beteiligt sind, mit sich bringen. Diese Problemstellungen können sich negativ auf Kosten, Schnelligkeit, Produktqualität und Kundenvertrauen auswirken.

Wunderwaffe Blockchain?

Blockchains versprechen Abhilfe: Sie speichern Daten in einer dezentralen, cloud-basierten Datenbank in einem unveränderlichen Format. Einmal gespeicherte Daten können nicht nachträglich manipuliert werden. Dies erlaubt einen rechtssicheren Austausch zwischen einer beliebigen Anzahl von Akteuren – vom Lieferanten über den Produzenten, Großhändler, Logistikdienstleister, Einzelhändler bis hin zum Kunden. Vor etwa vier Jahren wurden Blockchains erstmals kommerziell von Finanzdienstleistern eingesetzt. Das Ziel: Abrechnungen sowie den internationalen Zahlungsverkehr sicherer und effizienter zu gestalten. Nun experimentieren auch andere Wirtschaftszweige mit Blockchain-Anwendungen, darunter die Einzelhandels- und Konsumgüterbranche. So testen Walmart und Carrefour die Technologie, um ihre Supply Chains transparenter zu machen, Prozesse zur Automatisierung vorzubereiten und entlang der verschiedenen Prozessschritte einen Mehrwert für den Kunden zu schaffen.

Die vielfältigen Vorteile der Blockchain-Technologie lassen sich am Beispiel Dry Aged Beef erklären. Gerade bei Fleischprodukten wollen immer mehr Verbraucher wissen, woher ihr Produkt kommt. Über eine Blockchain-Datenbank können sie das über einen QR-Code auf ihrem Smartphone erfahren und jeden einzelnen Abschnitt der Supply Chain nachvollziehen. Sämtliche Informationen über das Produkt liegen in Echtzeit in einer einzigen, konsistenten Version vor („One Source of Truth“). Dazu zählen Herkunft (Fütterung und Aufzucht der Tiere), zeitliche Abläufe (Reifezeit, Transportdauer, Mindesthaltbarkeit) und Standort (des Aufzuchtbetriebs bzw. des Fleischprodukts entlang der gesamten Supply Chain).

Höheres Kundenvertrauen, höhere Effizienz

Diese Transparenz und vor allem die Tatsache, dass die Daten sämtlicher Beteiligter in der Lieferkette absolut revisionssicher sind, erhöhen auch im Vergleich zu herkömmlichen Track & Trace-Systemen die Glaubwürdigkeit. Doch das ist noch nicht alles: Einzelhändler können die Datensätze in der Blockchain mit eigenen Informationen ergänzen und damit neue Umsatzpotenziale schaffen – beispielsweise indem sie ihren Kunden passende Rezepte oder Weine zum jeweiligen Produkt empfehlen.

Traditionelles Track & Trace

Blockchain

Zentrale Datenbank, die von einem Spieler verwaltet wird – Abhängigkeit

Verteilte Datenbank / Ledger, auf die jeder Spieler unabhängig zugreifen kann

Nicht revisionssicher

Revisionssicher durch Design

Keine vollständige Validierung der Aktivitäten möglich

Vollständige Validierung aller Aktivitäten in der Supply Chain

Anfälligkeit gegenüber Cyberattacken, je nach Schutz der zentralen Datenbank

Hoher Schutz vor Cyberattacken aufgrund dezentraler Speicherung

Beschränkung auf T&T relevante Daten (Ort und Zeit)

Anreicherung der einzelnen Datensätze mit beliebigen Informationen

Begrenztes Automatisierungspotenzial, da Daten nicht revisionssicher sind und Abhängigkeit von Verwalter der Datenbank besteht

Hohes Automatisierungspotenzial durch Revisionssicherheit der Daten und Schnittstellenmöglichkeiten, z.B. für Apps

Der Blick in die Zukunft zeigt: Es gibt noch weiteres Potenzial. Im Gegensatz zu herkömmlichen Track & Trace-Systemen sind alle Blockchain-Applikationen durch ihre Architektur automatisch und vollständig revisions- und rechtssicher. Blockchains könnten daher in der Zukunft komplexe Prozesse automatisieren, die heute noch signifikante manuelle Arbeit erfordern. Dazu zählen etwa eine automatisierte Rechnungsabwicklung bei der Bestätigung von Liefereingängen entlang der gesamten Supply Chain oder intelligente Verträge, die Bürgschaften über mehrere Unternehmen in der Supply Chain hinweg übernehmen. Die Möglichkeiten sind mannigfaltig. In der Logistik ermöglichen Blockchain-Anwendungen voll digitalisierte Frachtpapiere, digitale Nachweise für den Haftungsübergang für Waren oder automatisierte Zollabfertigungen. So arbeitet das Transportunternehmen Maersk seit Anfang 2017 mit IBM an der Entwicklung von Blockchain-Anwendungen für Frachtverfolgung und -abwicklung. Das Ziel: mehr Transparenz, weniger Leerlaufzeit und niedrigere Kosten.

Zentrales Element für die Digitalisierung der Supply Chain

Blockchains sind somit weit mehr als nur eine moderne Variante des elektronischen Datenaustauschs. Sie haben vielmehr das Potenzial, die Supply Chain zu revolutionieren. Die Blockchain-Datenbank wird zum zentralen Element digitaler Lieferketten. Damit sind deutliche Vorteile gegenüber der herkömmlichen IT-Infrastruktur verbunden. Dazu zählen eine beliebige Skalierbarkeit, die Systemunabhängigkeit und die damit mögliche schnelle Implementierung, die Revisionssicherheit der Daten sowie ein besserer Schutz gegen Cyberattacken aufgrund der dezentralen Datenspeicherung. Dank der enormen Menge an verfügbaren, konsistenten Daten besteht zudem ein großes Potenzial für Analysen wie Machine Learning-basierte Abverkaufs- oder Nachfrageprognosen für Produkte. Nicht zuletzt bedeutet eine gemeinsame Datenbank weniger Verwaltungsaufwand und damit geringere Transaktionskosten bei gleichzeitig höherer Effizienz.

Die Architektur der Blockchain ermöglicht jedem Teilnehmer entlang der Kette Zugang zu allen Dateien. Die volle Transparenz schafft zwar Vertrauen, jedoch möchte nicht jedes Unternehmen alle Daten preisgeben. Um beispielsweise unternehmensinterne Daten zu schützen, können zusätzlich normale Datenbanken verwendet werden.

In drei Schritten in die Blockchain

Wer sich die Vorteile der neuen Technologie zunutze machen will, sollte sie schrittweise in die Supply Chain einbinden. Zuerst erfolgt dabei der Aufbau einer internen Blockchain-Datenbank. Die Organisation macht sich damit als Erster mit der neuen Technologie vertraut. Im zweiten Schritt wird die Blockchain-Datenbank auf unmittelbar vor- und nachgelagerte Akteure wie Logistikdienstleister und direkte Zulieferer erweitert und dabei der Datenaustausch  gefördert. Zuletzt werden dann alle Akteure der Supply Chain bis hin zu den Endverbrauchern eingebunden. Am Ende steht ein besseres Einkaufserlebnis für die Kunden, eine höhere Wertschöpfung entlang der gesamten Lieferkette sowie effizientere Prozesse und damit Kostensenkungen.