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Letzte Meile macht E-Food zu schaffen

Zustellung fordert Lebensmittel-Onlinehandel heraus – Alternative Lieferkonzepte gefragt

Zuerst erschienen in der Print-Ausgabe 22 der Lebensmittel Zeitung vom 31. Mai 2019, Seite 34.

Von Michael Lierow und Dustin Wisotzky

Steigende Kosten für die Auslieferung belasten die E-Food-Anbieter. Eine Alternative zur teuren Haustürzustellung ist die sogenannte Multi-Drop-Zustellung. Auch das Ressourcen-Pooling von Food- und Nonfood-Paketen wird immer wichtiger.

Am Wochenende online bestellt, am Montag nach Hause geliefert. Dieser kostenlose Service, der heute selbstverständlich ist, wird bald der Vergangenheit angehören. Denn die Haustürzustellung wird bereits in zwei Jahren ein Luxusgut sein. Die Gründe sind zum einen die rasant steigenden Personalkosten aufgrund einer wachsenden Anzahl an Paketen, zum anderen der wettbewerbsbedingte Druck auf die Lieferpreise.

Noch merken Verbraucher nichts von dem steigenden Kostendruck, denn Preissteigerungen konnten sich im Markt bisher nicht durchsetzen. Doch das wird sich bald ändern. Besonders auf der letzten Meile müssen Besteller mit Zusatzkosten rechnen. Bis 2028 wird sich die Anzahl an auszuliefernden Paketen in Deutschland verdreifachen: von 3,5 Mrd. Paketen 2018 auf bis zu 9 Mrd. Pakete. Damit steigt auch der Bedarf an Lieferfahrern auf bis zu 200 000. Im Jahr 2018 waren es erst 90 000 Fahrer. Um diesem Fahrermangel zu begegnen und den Beruf attraktiver zu machen, wäre eine Anhebung der Stundenlöhne von derzeit rund 15 Euro auf bis zu 30 Euro erforderlich. Durch die steigenden Personalkosten werden sich die direkten Kosten pro Paket von 2,50 Euro auf 4,50 Euro erhöhen.

Eine Alternative zur kostenintensiven Haustürzustellung, bei der meist nur ein Paket pro Stopp ausgeliefert wird, ist die sogenannte „Multi-Drop-Zustellung“. Dabei werden mehrere Pakete auf einmal an Paketautomaten oder -shops ausgeliefert. Der Besteller holt die Ware dort ab und erledigt da-mit die letzte halbe Meile der Zustellung selbst. Durch diese Form der zentralen Auslieferung sinkt die Zahl an Paketfahrzeugen auf Deutschlands Straßen, was Emissionen reduziert und die Infrastruktur entlastet. Zudem sind die Kosten für die Zustellung deutlich geringer: Die Kosten der Multi-Drop-Zustellung sind mehr als ein Drittel günstiger als die der Haustürzustellung.

Neben neuen Lösungen für die letzte Meile müssen Paketdienstleister auch dynamischere Auslieferungsstrukturen schaffen. Der Grund: Die meisten Verbraucher bestellen am Wochenende, sodass Auslieferungen am Montag und Dienstag 30 Prozent höher sind als in der restlichen Woche. So werden am Anfang der Woche fast doppelt so viele Lieferfahrer benötigt. Genauso wie der Bedarf an Fahrern schwankt, so schwankt auch die Nachfrage an Sortierleistungen. Agile Depots, in denen bestimmte Abschnitte bei Bedarf nicht genutzt oder aber hochgefahren werden, können helfen, diese Schwankungen auszugleichen. Hinzu kommen agile Linien- und Routenfahrpläne.

Während diese Faktoren ein Umdenken im gesamten E-Commerce erfordern, betreffen sie die Lieferservices im Bereich Lebensmittel besonders stark. Die ohnehin geringen Margen werden bereits heute durch Zustellkosten aufgefressen, sodass sich das Geschäft kaum profitabel betreiben lässt. Die höheren Zustellkosten an den Endkunden weiterzugeben, ist derzeit angesichts der immer noch geringen Penetration der Onlineangebote wenig vielversprechend. Auch Multi-Drop-Alternativen stellen gerade in frischen und temparaturempfindlichen Warengruppen kaum eine zufriedenstellende Alternative für Konsumenten dar. Die im internationalen Vergleich geringe Annahme von Click&Collect-Angeboten in Deutschland untermauert diese Annahme.

Doch es gibt noch eine weitere Möglichkeit für Lebensmittellieferungen: Ressourcen-Pooling. Bei dieser Art der Zustellung werden Frischelieferungen gemeinsam mit Nonfood-Paketen direkt dem Konsumenten zugestellt. Durch diese Bündelung von Lieferungen kann bei der Zustellung eine höhere Dichte erreicht – also der Abstand zwischen ausgelieferten Paketen verringert – und somit Kosten gespart werden. Dennoch stellt die letzte Meile insbesondere für die Lebensmittelhändler eine große Herausforderung dar. Nicht zuletzt, weil die Lösung in einer Zeit gefunden werden muss, in der der Lebensmittel-Onlinehandel hierzulande immer noch auf seinen Durchbruch wartet.