Firma vor Familie

Dr. Simone Bagel-Trah und Rainer Münch

Dr. Simone Bagel-Trah und Rainer Münch

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Double Quotes
Richtung Firma haben wir den schönen Satz „Firma vor Familie“, weil wir der Meinung sind, es ist ganz vorrangig, prioritär wichtig, dass es dem Unternehmen gut geht
Dr. Simone Bagel-Trah

Dr. Simone Bagel-Trah ist Vorsitzende des Aufsichtsrats und des Gesellschafterausschusses von Henkel. In dieser Rolle vertritt sie die Interessen von rund 130 Familienmitgliedern und trägt zugleich Verantwortung für die langfristige Entwicklung des Unternehmens.

In der aktuellen Folge spricht sie darüber, warum für sie „Firma vor Familie“ gilt – und weshalb dieser Satz nicht gegen die Familie gerichtet ist, sondern für nachhaltige Entscheidungen im Sinne des Unternehmens, seiner Mitarbeitenden, Partner und Eigentümer steht.

Im Gespräch geht es außerdem um Familien-Governance, die Verbindung von Tradition und Veränderung sowie die Auswahl werteorientierter Führungskräfte. Weitere Themen sind der verantwortungsvolle Einsatz von Künstlicher Intelligenz, Nachhaltigkeit und Biodiversität.

Sehr konkret wird das Spannungsfeld zwischen Purpose und Profit beim Rückzug von Henkel aus Russland: eine wirtschaftlich schmerzhafte Entscheidung, die aus Überzeugung getroffen wurde.

Besonders persönlich wird es, als Simone Bagel-Trah ihren Wertegegenstand vorstellt: eine kleine Silberschale mit Familienfotos, Botschaften und wechselnden Gedanken – ein lebender Gegenstand zwischen Wurzeln, Gegenwart und Zukunft.

Das Gespräch wurde aufgezeichnet am 29. Juli 2026.

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“Ich bin neugierig, ich lerne gern, ich hinterfrage viel und entwickle mich gerne weiter“

„Richtung Firma haben wir den schönen Satz ‚Firma vor Familie‘, weil wir der Meinung sind, es ist ganz vorrangig, prioritär wichtig, dass es dem Unternehmen gut geht“

„Ich bin Ideensammler, würde ich sagen“

„…eine Liebeserklärung von meiner Schwester, eine Postkarte, weil ich, wie ich schon sagte, zuverlässig und auch diszipliniert bin, die sie mir geschickt hat zum Geburtstag mit einem gelben Schmetterling abgebildet, auf dem steht: Was Du heute kannst besorgen, das ... Oh, ein Zitronenfalter“

Rainer Münch: Willkommen bei Purpose versus Profit. Ich bin Rainer Münch und ich unterhalte mich hier mit meinen Gästen über die Werteorientierung im Geschäftsleben. Für die heutige Folge bin ich im Büro von Dr. Simone Bagel-Trah am Henkel-Hauptsitz in Düsseldorf zu Gast. Hier sprechen wir über ihre Verantwortung an der Schnittstelle zwischen einem globalen DAX-Konzern und einer Eigentümerfamilie mit rund 130 Mitgliedern. Wir sprechen darüber, wie Zusammenhalt über fünf Generationen gelingt, warum der Grundsatz „Firma vor Familie“ gilt und welche Elemente für den Erfolg unverzichtbar sind. Es geht um werteorientierte Führung in Zeiten von KI, um Nachhaltigkeit und darum, wie wir uns ein „Universum an Schönheit“ erhalten können. Und es geht um Entscheidungen, bei denen Haltung konkret etwas kostet. Besonders persönlich wird das Gespräch bei ihrem „lebenden“ Wertegegenstand: einer kleinen Silberschale mit wechselnden Fotos und Gedanken. Und nun viel Spaß mit der heutigen Folge.

Dr. Simone Bagel-Trah studierte Biologie, promovierte und gründete ein Unternehmen für klinisch-mikrobiologische Forschung und Kommunikation. Als Ururenkelin des Henkel-Gründers Fritz Henkel ist sie seit 2009 Vorsitzende des Aufsichtsrats und des Gesellschafterausschusses von Henkel. Zudem engagiert sie sich unter anderem für Wissenschaft und naturwissenschaftliche Bildung. Sie ist verheiratet und Mutter von zwei Kindern. Liebe Frau Dr. Bagel-Trah, herzlich willkommen bei Purpose versus Profit.

Simone Bagel-Trah: Vielen Dank für die Einführung, Herr Münch.

Rainer Münch: Ich möchte starten ganz am Beginn ihres Werdegangs. Sie sind nach der Scheidung Ihrer Eltern bei Ihrer Mutter groß geworden und hatten damit zunächst eine große Distanz zum Unternehmen. Sie haben mal gesagt, es sei ein herrliches, anonymes Großwerden gewesen, was Sie im Nachhinein als großes Geschenk empfunden haben. Was würden Sie dann im weiteren Werdegang als die entscheidenden Weichenstellungen bezeichnen, die Sie in Ihre heutige Rolle und Verantwortung gebracht haben?

Simone Bagel-Trah: Also für mich ist tatsächlich die Grundschule eine Weichenstellung gewesen, Montessori-Grundschule mit einer tollen Lehrerin und dem Konzept „Hilf mir es selbst zu tun". Ich glaube, das war ein, schon ein sehr guter Start. Eine weitere Weichenstellung war sicherlich das Biologiestudium. Mich faszinieren bis heute Lebenswissenschaften, die Natur, Organismen, und das hat eine Richtung vorgegeben. Und am Ende auch eine Weiche gestellt, warum ich überhaupt Mitglied im Cognis-Aufsichtsrat werden konnte, weil mit der Biologie dann eben auch Mikrobiologie, bisschen Biochemie, verbunden war. Sicherlich das Thema Selbstständigkeit: Also, ich wollte gerne selbstständig sein, eine kleine Firma gründen, und hab da unheimlich viel Erfahrung gesammelt, was mir auch viel Unabhängigkeit gegeben hat. Das war so mein erster Entwurf meines Lebensweges, was ich werden wollte. Sicherlich auch eine gute Weichenstellung ist einfach mein kleiner Familien-, mein eigener Familienkontext. Ich bin, Sie haben es gesagt, nach der Scheidung der Eltern bei der Mutter groß geworden. Wir sind aber eine tolle Patchwork-Familie, und schon in frühen Jahren lernen zu können, wie es funktioniert, in und mit 'ner größeren Familie mit unterschiedlichen Meinungen dennoch zusammenzuhalten, ist sicherlich eine ganz wertvolle Erfahrung. Und schlussendlich meine Eigenschaft: Ich bin neugierig, ich lerne gern, ich hinterfrage viel und entwickle mich gerne weiter, hat sicherlich auch dazu beigetragen.

Rainer Münch: Jetzt gibt’s vermutlich wenige Rollen in Deutschland, die mit Ihrer zu vergleichen sind. Sie sind an der Schnittstelle zwischen einem internationalen DAX-Konzern und einer inzwischen recht weit verzweigten Familie mit 130 Mitgliedern, auch international. Wie haben Sie sich darauf vorbereitet und was würden Sie sagen, waren so Ihre größten persönlichen Weiterentwicklungsschritte seit Ihrem Amtsantritt vor 17 Jahren?

Simone Bagel-Trah: Also das war natürlich, wenn man's 2009 betrachtet, die Übernahme der Verantwortung Vorsitz Gesellschafterausschuss, Aufsichtsrat und Sprecherin der Familie, war wirklich eine große Aufgabe, auf die ich mich auch sehr ernsthaft vorbereitet habe, denn das ist nach wie vor etwas, vor dem ich großen Respekt hab. Ich hatte die große Chance und das große Glück, dass mein Vorgänger im Amt, Albrecht Woeste, sich auch viel Zeit genommen hat, mich zu informieren, mich mitzunehmen zu seinen Terminen. Er hat seinen Posteingang mit mir geteilt, sodass ich nach der Vorbereitungszeit im ersten Jahr im Amt keine echte Überraschung erlebt habe, sondern alles schon mal vorher gesehen oder vorher mit ihm durchdacht und besprochen habe. Das war wirklich sehr, sehr wertvoll. Seitdem gibt es viele Themen, viele Herausforderungen und genug Gelegenheiten, um zu lernen – für mich extrem wichtig und das hört auch nicht auf. Und wenn man, Sie mich fragen: „Wie habe ich mich vorbereitet?", dann ist das: einerseits viele Themen, die ich mir selber gesetzt habe, wo ich auch gemerkt habe, da muss ich noch etwas nachholen. Da habe ich einen gewissen Grundkenntnisstand, aber nicht den, den ich brauche, um das Amt auch verantwortungsvoll auszuführen. Und in anderen Bereichen fühlte ich mich schon ganz gut ausgerüstet. Und daraus die richtige Mischung und Balance zu finden, ist für einen Zeitpunkt immer möglich, aber man bleibt ja nicht stehen. Da verändert sich das Umfeld, die Anforderungen und insofern bin ich weiterhin ständig lernend.

Rainer Münch: Fühlt sich die Rolle denn heute für Sie grundlegend anders an als vor 10 oder 15 Jahren?

Simone Bagel-Trah: Also ich würde sagen, es gibt Themen und Aspekte, die sind gleichgeblieben, und manche haben sich auch verändert. Gleich geblieben ist sicherlich der Respekt vor der Aufgabe, aber auch die Freude an der Aufgabe. Es ist eine große Verantwortung, aber auch eine herrliche Vielfalt an Themen, an tollen Gesprächspersonen und -partnern. Das ist wirklich toll und das ist genauso geblieben. Geblieben ist auch die langfristige Verantwortung, dieses generationsübergreifende Denken. Das hat sich auch nicht verändert. Das ist auch eine ganz wichtige Säule. Verändert haben sich, hat sich die Rolle insofern, als dass, ich würde sagen, die Anforderungen größer geworden sind. Was ein Aufsichtsrat heute erbringen muss, die Regularien, die Corporate Governance, die Erwartungshaltung, die Zeit, die man investieren muss in vieles, hat zugenommen. Die Tiefe der Themen, die Breite der Themen und auch die Geschwindigkeit. Die Welt dreht sich schneller, angesichts geopolitischer Themen, Digitalisierung, KI überall, Zölle, die erhoben werden, die morgen wieder wegfallen. Also diese Themen, die Amplitude der Ausschläge, die Frequenzvolatilität ist wirklich deutlich erhöht. Kommunikation war immer wichtig, früher auch schon, aber verändert hat sich meiner Meinung nach auch die Erwartungshaltung, was und wie kommuniziert wird, wie transparent alles sein soll, die Erwartungshaltung an Führungspersönlichkeiten, sichtbar zu sein, präsent zu sein, eine Haltung zu haben. Das hat in meinen Augen auch, hat sich auch verändert.

Rainer Münch: Sehen Sie das als Vorteil, dass da mehr Nähe, mehr Transparenz ist, dass ein Unternehmen wie Henkel die Werte heute anders transportieren kann?

Simone Bagel-Trah: Also das hat auch für mich zwei Seiten. Eins ist tatsächlich, ich finde es schön, dass es heute anders ist als früher. Es ist viel offener. Es ist viel unkomplizierter. Kommunikation geht leichter. Das finde ich, finde ich sehr vorteilhaft. Das geht bei uns bei Henkel einher mit einer Cultural Journey, die wir auch die letzten Jahre gemacht haben, wo das Thema Leadership sich verändert hat, die Kommunikation unter unseren Mitarbeitern/Mitarbeiterinnen. Das hat sich positiv verändert, weil Hierarchien abgebaut worden sind, weil die Fähigkeit und „willingness to give and receive feedback“ heute eine ganz andere ist. Das ist, finde ich alles von Vorteil. Und das bringt die Chance mit, auch Werte sichtbarer zu machen, öfter Gelegenheit zu haben, über Werte zu sprechen und im Austausch zu sein. Das finde ich sehr gut. Manchmal kritisch finde ich die Idee, alles transparent zu machen. Ich glaube nicht, dass das überall von Vorteil ist. Ich finde, in Sachen Politik wäre es oft besser, die Verantwortlichen würden sich in Ruhe Gedanken machen und zusammen eine Lösung erarbeiten und mit einem Ergebnis kommen, als zwischendurch viele Wasserstandsmeldungen transparent zu kommunizieren. Davon hat in meinen Augen oftmals weder diese Gruppe noch die Gesellschaft etwas. Da finde ich es in Ordnung, wenn man ab und zu mal sagt: „Wir kommen damit, wenn es gar ist, aber zwischendurch braucht es eigentlich noch keiner mitzudiskutieren."

Rainer Münch: Jetzt spricht das Unternehmen Henkel von fünf Werten, die Handeln, Entscheidungen und Verhalten prägen. Dabei geht's verkürzt um Kundinnen, Mitarbeitende, wirtschaftlichen Erfolg, Nachhaltigkeit und die Tradition als Familienunternehmen. Sind diese Unternehmenswerte zugleich auch die Familienwerte oder würden Sie da grundlegend unterscheiden?

Simone Bagel-Trah: Vielleicht kurz zur Entstehung dieser Werte: Das war schon eine gemeinsame Diskussion, natürlich vom Management angestoßen. Was sind richtige Werte für das Unternehmen? Aber sehr wohl gemeinschaftlich auch mit dem Gesellschafterausschuss diskutiert und auch bei einer Veranstaltung mit Familienmitgliedern präsentiert und diskutiert. Insofern gibt es da schon ein Alignment darüber, dass wir die gut finden. Sind das exakt die gleichen Werte, die wir als Familie auch hätten? Nein. Wir sind kein Unternehmen. Wir sind eine Familie. Und für uns gibt's Themen, die wir als extrem wichtig erachten, in Richtung Firma, aber auch in Richtung unseres eigenen Familienlebens. Richtung Firma haben wir den schönen Satz „Firma vor Familie", weil wir der Meinung sind, es ist ganz vorrangig, prioritär wichtig, dass es dem Unternehmen gut geht, dass Entscheidungen getroffen werden im Unternehmenszweck und -sinne. Und wenn's der Firma gut geht, geht's auch den Mitarbeitern gut und den Lieferanten und am Ende auch den Shareholdern. Als Familie ist für uns wichtig, dass wir dieses langfristige, generationsübergreifende Denken haben, dass wir eine hohe Identifizierung mit uns selbst, Familienzusammenhalt, da sehen wir einen Mehrwert drin, eine große Familie zu sein. Wir haben so viele unterschiedliche Berufsbilder, unterschiedliche Persönlichkeiten. Wir leben in verschiedenen Ländern. Das ist eine herrliche Vielfalt, aus der wir viel Energie ziehen und die wir sehr positiv sehen.

Rainer Münch: Im Kontext Werte und Transparenz: Und wir befinden uns ja im Jahr, in dem Henkel 150 werden wird am 26. September, und anlässlich dieses Jubiläums gibt's ein Buch von Professor Joachim Scholtyseck mit dem Titel „Henkel – Vom Waschmittelhersteller zum Weltunternehmen". Ist ein richtiger Schmöker geworden, fast 900 Seiten. Da wird die Geschichte des Unternehmens, auch der Familie aufgearbeitet, eingeordnet, insbesondere auch die NS-Zeit, was aus meiner Sicht noch mal die Konsequenz der Wertehaltung von Henkel unterstreicht. Gab's denn für Sie persönlich auch neue Erkenntnisse aus dieser Forschung, aus diesem Buch über die Familie, über das Unternehmen?

Simone Bagel-Trah: Also zum Ersten fand ich es gut, dass wir das Projekt angegangen sind. Es hat mehrere Jahre in Anspruch genommen, die die Forschungen von Herrn Professor Scholtyseck da angedauert haben, aber es ist mit den vielen Seiten, die Sie genannt haben, auch ein wirklich gutes Werk dabei herausgekommen. Ich hab das gelesen. Ich finde, es ist umfassend, aber es ist auch - es steht wirklich viel drin und es sind ganz viele Dinge, die ich vorher nicht wusste, die in dem Buch enthalten sind. Sehr schön fand ich einfach noch mal zu realisieren, dass es nicht eine Geschichte ist von einigen Persönlichkeiten, die das 150 Jahre geschaffen haben, was hier heute steht, sondern dass es wirklich ein Netz aus Menschen, aus Ideen, aus Zusammenwirken über die Jahrzehnte, über die Generationen. Und dieses Netz, das Geflecht sind, ja, Familienmitglieder, meine Vorfahren, da bin ich auch sehr stolz, aber natürlich auf der Firmenseite unendlich viele Führungskräfte, die daran mitgeholfen haben, dass Henkel am Ende so groß geworden ist, wie es heute ist. Interessant zu lesen, die NS-Zeit. Gut, dass wir das aufgearbeitet haben. Es gab jetzt keine Überraschungen, aber doch mehr, deutlich mehr Informationen, was ich sehr gut fand. Gerne gelesen habe ich die vielen Kapitel am Ende, wo es um übergreifende Entwicklung in einzelnen Ländern oder Regionen geht. Da noch mal nachzulesen, wie unternehmerisch wir damals gewesen sind im Erobern von einem Land, in dem noch vorher keine Aktivität war und wie man dann eigentlich dahin gelangt, dass man da auch, ja, mit Business präsent ist.

Rainer Münch: Ich denke, es ist auch beeindruckend per se, dass es eben 150 Jahre sind, die da beschrieben werden. Und es gibt international kaum ein Beispiel von einem Unternehmen, von einem Familienunternehmen, dem es gelingt, über so viele Generationen auch so eine ausgeprägte Werteorientierung und Geschlossenheit zu erreichen. Was ist denn das Erfolgsgeheimnis aus Ihrer Sicht?

Simone Bagel-Trah: Ja, da gibt's wahrscheinlich mehrere und so geheim sind sie auch nicht. Ich würde denken, als Erfolgsfaktoren ist zum einen zu nennen, diese Familie selbst. Also eine solche Einheit zu haben, ist ein großes Geschenk. Es gibt ja auch viele andere Beispiele, bei denen es nicht so gut gelingt. Und ich würde als erstes mal sagen, ein großes Dankeschön an alle Familienaktionäre, an alle Familienmitglieder, die sich hinter dieses Unternehmen scharen und stellen und sagen: „Dafür bilden wir eine Einheit. Unser größtes Gut ist unsere Einigkeit. Und wir haben keine Individuen, die ausscheren oder sich selbst verwirklichen auf Kosten von, sondern alle nehmen das Unternehmen und unsere Gemeinschaft als das höhere, größere Gut." Viel, glaube ich, ist tatsächlich Erziehung, Vorleben und zeigen, was wir für uns als wichtig erachten. Was sind unsere Werte und wie leben wir sie auch? Und das ist einerseits, ja, kann man das aufschreiben, aber andererseits – Sie haben erzählt, Sie haben fünf Kinder – sehen ja alle insbesondere Kinder eher, was die Eltern machen, als das, was sie so sagen. Und deshalb, glaube ich, ist eben auch wichtig, dass alle in der Familie auch sehen, wie wir als Familie agieren und die nachfolgenden Generationen auch in diesem Kontext so groß werden. Wichtig finde ich als weiteres Erfolgskriterium, dass beides möglich ist: Dass man einerseits eine 150-jährige Geschichte hat, aus der Geschichte lernt, dass wir uns über Wurzeln bewusst sind und Tradition, und gleichzeitig die Fähigkeit haben, auch Dinge infrage zu stellen, sich weiterzuentwickeln, sich über Veränderungen als Möglichkeit, manchmal auch Notwendigkeit, sich darüber zu freuen und zu sagen: „Ja, jetzt geht es weiter, jetzt geht es anders, aber was kann ich Gutes daran finden?" Nicht, nicht zu mäkeln: „Früher war alles besser", sondern zu schauen, wo eben auch Chancen und Optionen liegen. Und ich habe mal das Bild eines Baumes verwendet, weil ich glaube, das funktioniert ganz gut und weil ich auch mit meinem Background aus Naturwissenschaften auch gerne Vergleiche suche in die Richtung. Und so, glaube ich, ist ein Baum ein ganz gutes Symbol dafür, weil der mit seinem starken Stamm steht und der hat Wurzeln in der Erde und zieht daraus viel Kraft. Und jedes Jahr fängt er an, wieder Blätter zu bilden und neu auszuschlagen. Hier kommt ein Zweig mehr und ein Ast dazu. Und die Blätter sind jedes Mal vielleicht neue Ideen, können entweder Unternehmensprodukte sein, können Familienideen sein, wie sich so ein Unternehmen über viele Generationen weiterentwickelt. Am Ende des Jahres fallen Blätter runter, aber die sind der Nährstoff für das, was in der nächsten Wachstumsperiode entsteht. Und so ist all das, was schon mal da gewesen ist an Ideen, natürlich auch wieder Nahrung für Zukünftiges. Und da der Baum meistens nicht alleine steht, sondern auch andere drumherum, kriegt man natürlich auch Nährstoff und Ideen von dem, was außen rum ist und verarbeitet das. Und diese Kontinuität, glaube ich, ist ein ganz, ganz gutes Bild dafür, dass es immer irgendwie weitergeht.

Zu der Frage, warum ist es uns gelungen, über so viele Jahrzehnte hinweg zusammenzubleiben, ist eine Antwort: unsere Governance. Wir haben eine ganz klare Governance, eine sehr klare Rollenverteilung: Wer ist wofür zuständig? Und das ist auch hilfreich und nötig, um auf der Familienseite einer professionell organisierten Firma auf der anderen Seite gegenüberzustehen. Und Henkel war mal ein 100 Prozent Familienunternehmen, in dem Führungspositionen durch Familienmitglieder eingenommen worden sind. Konrad Henkel war das letzte Familienmitglied, was als CEO auch agiert hat, und danach haben wir das Ownership und Management voneinander getrennt. Und gerade seitdem ist es besonders wichtig, klar zu definieren: Wer hat welche Aufgaben? Was macht das Management? Was macht unser Gesellschafterausschuss als wichtiges Überwachungs-, Weisungs-, Mitdiskutierungs- und Entscheidungsorgan? Und diese Governance, die wir haben, glaube ich, ist sehr gut aufgesetzt. Die existiert sehr lange. Da haben wir kaum Nachjustierungsbedarf gehabt, weil wir als Familie Mitglied im Gesellschafterausschuss sind und im Aufsichtsrat, aber nie alleine, sondern immer gesagt haben, es ist für uns wichtig, professionelle externe Expertise am Tisch zu haben durch Personen, die aus Industriezweigen kommen, die für Henkel relevant sind, die Erfahrungen an den Tisch bringen, die unsere ergänzen. Und das, denke ich, ist für uns als Erfolgsbestandteil auch ein wichtiger Aspekt.

Rainer Münch: Jetzt haben wir über die Werte vom Unternehmen gesprochen, ein bisschen über die Familie. Wie ist das denn bei Ihnen persönlich? Was würden Sie als Ihre persönlichen Werte beschreiben?

Simone Bagel-Trah: Ich bin sehr zuverlässig. Ich bin sehr integer. Für mich ist das als Mensch wichtig, aber ich glaube auch in der, in den Rollen, die ich im Unternehmen oder auch in der Familie habe, sind das Eigenschaften, die wichtig sind, die mir auch entgegenkommen und ich das umgekehrt auch mir wünsche vom Gegenüber, dass ich mich da genauso drauf verlassen kann, dass wenn man Dinge bespricht, dass die, wenn man das sagt, im Raum bleiben, sonst natürlich nicht zwingend. Das finde ich ganz wichtige Eigenschaften. Ich finde dieses neugierig sein, offen sein, tolerant sein, Weltoffenheit ist für mich auch ein ganz wichtiger Wert. Und damit einhergehend auch persönliche Weiterentwicklung. Immer noch mal zu gucken: Wie war der Tag heute? Was hätte ich vielleicht besser machen können? Make everyday an opportunity. Wirklich zu gucken: Wo kann ich mich eigentlich sinnvoll einbringen, um das, was mir mitgegeben ist, auch einzusetzen für andere? Und vielleicht da zu gestalten, wo es, wo es einem wichtig ist.

Rainer Münch: Jetzt hatte ich Sie gebeten, wie all meine Gäste, einen Wertegegenstand mitzubringen, einen Gegenstand, der Ihnen was bedeutet. Was ich hier vor mir sehe, ist eine, ja, so 'ne Art Silberschale, wie so 'ne flache Badewanne, handtellergroß, mit verschiedenen, mit, glaub ich, fünf Füßen insgesamt und auch mit Verzierungen am Rand und dann verschiedene Fächer, wo man etwas reinstellen kann. Und Sie haben das befüllt mit verschiedenen Fotos und Postkarten und auch Ausschnitten aus, ich weiß nicht, ob's ein Kalender ist, aber jedenfalls mit sozusagen einem Spruch drauf. Was hat es mit dem Gegenstand auf sich und was bedeutet er Ihnen?

Simone Bagel-Trah: Ja, das ist tatsächlich ein, ähm, aus dem Haushalt meiner Großmutter ein kleines Schälchen, in dem vielleicht Servietten oder, oder etwas Ähnliches, auch gelagert wurden. Das steht bei mir zu Hause auf dem Schreibtisch und es ist, wie wir festgestellt haben, auch schon recht angelaufen. Aber es ist für mich ein Gegenstand, der, in ständiger, ja nicht nur Beobachtung ist, weil es mir gegenübersteht, aber auch in Bearbeitung. Er beinhaltet Fotos von meiner Familie. Das ist 'n Foto meiner Eltern oder Geschwister, Kinder, Großeltern, Erinnerungsstücke, weil ich viel schon auch aus meiner Familie ziehe, aus Tradition ziehe, Wurzeln, was mir mitgegeben wurde, was ich als wertvoll erachte, mein, quasi mein Fundament, auf dem ich stehe. Da gibt's einige Belegstücke sozusagen und die wechseln auch ihren Platz. Dann ist mal ein Foto vorne und dann ist eben auch mal ein anderes Foto vorne und da sind auch unterschiedliche Formate, sodass man selbst, wenn was dahinter steht, oft noch sehen kann, was es ist. Es sind kleine Zettel, die ... oder Gebasteltes, da ist was Gebasteltes, was meine Schwester und ich für unsere Mutter gebastelt haben. Das ist also schon sehr alt und so sieht es auch aus. Aber da sind auch Zettel von meinen Kindern, die mir was zum Muttertag schreiben, eine Liebeserklärung von meiner Schwester, eine Postkarte, weil ich, wie ich schon sagte, zuverlässig und auch diszipliniert bin, die sie mir geschickt hat zum Geburtstag mit einem gelben Schmetterling abgebildet, auf dem steht: „Was Du heute kannst besorgen, das ... Oh, ein Zitronenfalter.“ Dass man eben, dass ich's auch manchmal schaffe, die Dinge, die Dinge sein zu lassen und mich den schönen Elementen oder auch Abwechslungen des Lebens zu widmen. Es sind Kalenderblätter dabei mit Sprüchen, die ich wichtig finde, weil sie grade meine momentane Verfassung widerspiegeln oder mich inspirieren und motivieren, das eine oder andere anders zu machen. Also neben dem Wert Tradition und Wurzeln einerseits eben auch versinnbildlicht Zukunft, Veränderung, was und wie möchte ich vielleicht die Welt sehen? Was ist aus meiner Warte heute relevant? Und das, wie gesagt, wechselt dann so ein bisschen den Platz und die Sichtbarkeit. Manches fällt raus aus dem Sammelsurium und manches kommt hinein. Also ein lebender Wertegegenstand, wenn Sie so wollen.

Rainer Münch: Das finde ich auch so schön und das differenziert Sie auch von allen bisherigen Gästen tatsächlich. Also die bisherigen Gegenstände waren immer stabil in ihrer Zusammenstellung und ich finde das irgendwie auch bezeichnend, dass Sie was haben, was sich eben auch kontinuierlich verändert, wo Sie Prioritäten anders setzen und eben auch unterschiedliche Impulse setzen und dafür offen sind und dass da so 'n, so 'n Dialog fast stattfindet, mit dem, was Sie so aufschnappen und…

Simone Bagel-Trah: …ja. Alles ist schwer, bevor es leicht ist. Ist ein Spruch. Das, ja, also so, es sind eben verschiedene Themen darin und manch einer hat vielleicht auch zu Hause 'ne Pinnwand und das ist, ist ja, ist was Ähnliches und das finde ich immer ganz schön, was, dass man das ein bisschen verändern kann.

Rainer Münch: Kommt's Ihnen manchmal vor, dass Ihr Blick hängen bleibt und Sie 'n Impuls dann irgendwie da auch draus ziehen?

Simone Bagel-Trah: Ja, ja, das… Tatsächlich. Das sind jetzt ja nur drei Kalenderblätter. Ich habe mehrere aufgehoben. Ich bin ein Mensch, der für, für…: Ich bin Ideensammler, würde ich sagen. Ich habe ganz viele Gedanken im Kopf, die finden sich dann auf Zetteln wieder oder auf andere Art und Weise und die, die finde ich auch alle ab und zu mal wieder. Das ist auch gut. Die liegen nicht immer alle präsent, aber die gehe ich ab und zu mal durch und so habe ich da viele Themen, die mich inspirieren. Ich habe auch eine Tafel an der Wand, wo ich noch mal für mich aufgeschrieben habe: Was ist eigentlich mein Purpose? Was möchte ich dieses Jahr gerne umsetzen? Was sind meine fünf, sechs wichtigen Themen für das Jahr, was aber vielleicht auch im Monat relevant ist, um das einfach ab und zu mal vor Augen zu haben und sich wieder zu fokussieren auf das, was wichtig ist.

Rainer Münch: Ich würde an der Stelle gerne noch mal 'ne Brücke bauen zur Familien-Governance und Ihren persönlichen Werten, weil Sie haben ja auch betont, dass da auch eine Trennung stattfindet zwischen Familie und eben dem Management, wo die Stellen extern besetzt werden. Und Sie haben an verschiedenen Stellen schon betont, dass die Haltung natürlich 'ne wichtige, ein wichtiges Kriterium ist für die Besetzung von Vorstandspositionen. Wie bilden Sie sich denn eine Meinung zur Haltung eines Kandidaten, einer Kandidatin?

Simone Bagel-Trah: Also ich finde, dass das mit zu den wichtigsten Themen gehört: Wer ist in Führungspositionen? Weil das auch die Kultur eines Unternehmens mitbestimmt. Wir kommen sicherlich immer von oben nach unten auch, auch durch: Welche Themen sind die relevanten? Wo werden Akzente gesetzt? Deshalb finde ich das enorm wichtig. Und ich bin zwar schon viele Jahre hier bei Henkel und lerne auch viel. Ich war aber nie Mitarbeiter hier. Ich habe hier keine Führungskarriere im Haus gemacht. Ich war nie im Accounting, ich habe nie F&E gemacht. Ich war auch nicht, nicht im Sales. Deshalb finde ich es umso wichtiger, dass wenn, wenn ich das selbst nie gemacht habe, dass ich die Menschen dahinter kenne, die das machen. Und so ist bei mir tatsächlich viel Zeit in meinem Kalender allokiert, in Gespräche, in Menschen kennenzulernen, um A) zu hören: Was machen die so jeden Tag? Dann lerne ich nämlich: Wie funktioniert das mit dem Accounting oder was macht F&E in der nächsten Zeit? Aber insbesondere, um zu verstehen: Was ist das für ein Mensch, der mir gegenübersitzt? Was hat er für Gedanken? Welche Fragen stellt er? Wessen Geistes Kind ist er? Das finde ich, finde ich total relevant. Und je weiter man nach oben in den Führungsetagen geht, sind sie alle fähig. Sie haben Performance gezeigt, sonst wären sie auch nicht so weit gekommen. Und umso wichtiger wird daneben dann eigentlich der Charakter und die Persönlichkeit. Was sind die Werte, nach denen diese Menschen entscheiden? Was leitet sie? Was ist deren Purpose? Was ist deren Antrieb? Und mir sind dann bei diesen Eigenschaften besonders wichtig, dass ja der Fokus immer darauf liegt: Wie können wir die Sachen voranbringen? Der Unternehmenszweck steht für uns alle ganz oben und in dessen Kontext agieren wir auch. Und dass es keine Persönlichkeiten sind, die Alleingänger sind, sondern großen Wert auf Team legen und auf Nachfolge, weil: Jeder ist ersetzbar, zumindest beruflich hier. Privat sehe ich das anders, aber beruflich sollte man natürlich wissen: Vor einem gab es Menschen und nach einem wird es auch welche geben. Aber dass diese Führungskräfte großen Wert darauf legen, ihre eigene Nachfolge gut vorzubereiten, sich um ihre Mitarbeiter, Mitarbeiterinnen zu kümmern, zu gucken, dass man ein gut zusammengesetztes Team hat, dass man aus der Vielfalt der Fähigkeiten, die hier da sind, auch Mehrwert schöpft und, ja, aufs Gegenüber wirklich eingeht, dass man gutes Miteinander hat, dass man am Menschen dahinter interessiert ist und dass Führungskräfte die Werte vorleben, die wir als Unternehmen haben oder eben auch als, die wir als Familie als wichtig erachten.

Rainer Münch: Jetzt ist in der Wirtschaft momentan ein Thema in aller Munde, das ist KI. Sie haben es vorhin auch schon angeschnitten, dass da viele Unternehmen 'ne große Transformation erwarten und dass immer mehr sozusagen Menschen auch wirklich ersetzt werden durch KI oder zumindest ganz anders arbeiten und produktiver arbeiten mit KI. Was sind Ihre Perspektiven? Wie lässt sich sicherstellen, dass eine Werteorientierung von einem Unternehmen mit immer mehr KI-Einsatz nicht verwässert?

Simone Bagel-Trah: Das ist eine extrem wichtige Frage und das wird auch für alle, würde ich sagen, eine große Aufgabe werden, dass wir einerseits als Unternehmen, aber auch als Privatperson in der Lage sind, KI positiv zu nutzen, weil es ist eine enorme Chance, die wir haben und haben wir alle schon gemerkt, was alles einfacher geht. Es darf aber zeitgleich nicht etwas werden, was man statt einer persönlichen Meinung verwendet. Es darf nicht sein, was man wirklich einfach austauscht oder unbesehen als die neue Wahrheit nimmt. Und da neigt der Mensch vielleicht manchmal aus Bequemlichkeitsgründen schon dazu, zu sagen: „Ja, das steht jetzt so, das nehme ich so.“ Dass es uns gelingt, die nachfolgenden Generationen ja anzulernen, damit A zu arbeiten, weil so wird es sein. Anders geht es gar nicht. Aber B auch immer anleiten, das kritisch zu hinterfragen, was da herauskommt, wirklich inhaltlich zu gucken: Kann das stimmen? Macht das Sinn? Das muss ich noch mal nachprüfen. Wie würde ich es denn auch selbst einordnen? Und wir alle wissen glaube ich, dass KI so gut ist, wie sie auch gefüttert wird und man immer überlegen sollte: Welches System benutze ich? Wer hat das eigentlich womit gefüttert und ist das jetzt die richtige Aussage, die da rauskommt? Insbesondere wenn man auf den Aspekt von Ihnen mit den Werten Wert legt.

Rainer Münch: Glauben Sie, dass es da ganz unterschiedliche Herangehensweisen geben wird, die sich da entwickeln, wie sozusagen Unternehmen KI auch restriktiv handhaben, Leitplanken irgendwie integrieren und andere vielleicht da völlig ungezügelt draufgehen und dadurch vielleicht dann auch einen Wettbewerbsvorteil haben? Dass es auch 'n Risiko sein kann für ein Unternehmen, da vorsichtig zu sein?

Simone Bagel-Trah: Es wird wahrscheinlich alles geben, wie so oft. Es gibt welche, die damit offener umgehen oder sorgloser, und andere, die damit restriktiver umgehen, weil sie sich mehr Sorgen machen. Und: Ich glaube, ich bin die Falsche zu beurteilen, wer am Ende die Nase vorn hat. Ich glaube, kurzfristig kann man vielleicht denken, macht das Sinn, sich jetzt nicht zu sehr zu begrenzen, sondern zuzusehen, dass man vorne auf der Welle mitschwimmt. Ich glaube, gleichzeitig hat ein sorgsamer Umgang damit viel Berechtigung, weil das Netz vergisst nie etwas, künstliche Intelligenz wahrscheinlich schon gar nicht. Und alles, was man da je hineingegeben hat, bleibt dann da auch da. Und will man das, will man das wirklich? Das sind Firmendaten, die sensibel sein können. Das sind persönliche Daten, die sicherlich sensibel sind. Und auch wenn es vordergründig nicht nach viel aussieht, was man da preisgibt, glaube ich, dass durch das Zusammenwirken von allen Netzen, die es mittlerweile gibt, über Sie und über mich da schon viel mehr drinsteht, als wir eigentlich wissen. Aber im Firmenkontext muss man natürlich trotzdem sagen, ist es für uns wichtig, Umsatz damit zu machen. Es ist für uns wichtig, all diese Technologien richtig zu nutzen. Ich bin überhaupt nicht dagegen, dass das genutzt wird. Ich glaube nur, der verantwortungsvolle Umgang damit wird einfach extrem wichtig, weil auch das Unternehmen Daten hat, die für die Firma wichtig sind, aber auch, auch personenbezogene Daten richtig handhaben muss.

Rainer Münch: Jetzt ist KI in aller Munde aktuell. Was nicht mehr in aller Munde ist, ist Nachhaltigkeit. Es gab Fridays for Future, es gab viel Dynamik und auch viele Zielsetzungen der Unternehmen. Das ist alles wieder so ein bisschen verschwunden und hat sich stark abgeschwächt. Jetzt mit den, mit den aktuellen Situationen, was Brände angeht, ist es wieder ein bisschen präsenter, aber vielleicht auch nicht so, wie es mal war. Wie blicken Sie darauf, auf‘s Thema Nachhaltigkeit? Wo stehen wir da und wie geht's weiter?

Simone Bagel-Trah: Ist für mich ein ganz zentrales Thema. War es schon immer, würde ich sagen, und ist es auch so geblieben und für Henkel zum Glück auch. Ja, es ist richtig, im Moment ist der Fokus etwas abgerückt, was ich sehr bedauerlich finde, weil ich glaube, dass sich das langfristig umkehren wird. Wir können es uns eigentlich gar nicht leisten, den Fokus darauf zu verlieren und wir sollten es auch nicht. Ich bin sehr dankbar, glücklich und fordere es auch regelmäßig ein, dass das Unternehmen in Bezug auf Nachhaltigkeit nicht an Dynamik verliert und die Ambitionen weiterhin hochhält. Das macht Henkel. Wir haben gerade eine neue Nachhaltigkeitsstrategie formuliert, wieder angepasst, die Ziele noch mal fokussierter, prägnanter formuliert. Wir haben uns Fokusfelder ausgesucht, in denen wir agieren möchten und lassen auch in den Ambitionen nicht nach, was ich extrem wichtig finde, weil als Unternehmen hat man eine besonders große Verantwortung, wie jeder von uns als Individuum auch, möchte ich nicht kleinreden. Wenn jeder von uns im Kleinen agiert, dann ist das in Summe unheimlich groß und viel und geht auch schnell und dann braucht man auf manche Regulierung gar nicht zu warten. Aber gleichzeitig haben die großen Unternehmen eine besondere Verantwortung. Und damit, weil sie groß sind, auch eine besondere Chance, Dinge zu verändern und damit direkt einen großen Einfluss auch zu haben, was ich als großen Vorteil empfinde. Sie sehen in mir eine große Verfechterin von Nachhaltigkeit, von Bio-Diversity. Aufgrund meines Studiums und meiner Interessen kann ich wirklich einem Regenwurm unglaublich viel Respekt entgegenbringen, weil ich den einmal aufgeschnitten und einmal seziert habe. Und wenn Sie das machen, dann eröffnet sich ein Universum an Schönheit, weil alles so filigran ist. Und zu realisieren, das existiert alles, finde ich faszinierend. Und das gibt's nur einmal auf unserem schönen Planeten Erde und wir sollten uns sehr gut überlegen, was wir machen, denn das hat alles Einfluss auch auf die Natur. Und die Natur braucht uns nicht, aber wir brauchen die Natur. Wenn man sich anschaut die Biomasse aller Säugetiere, dann sind 60 Prozent der Biomasse durch unsere Nutztiere vertreten, durch Kühe, Schafe, Ziegen. Dann sind es 35, 36 Prozent Säugetiere sind wir selber, die hier wohnen auf dem Planeten, in Biomasse ausgedrückt, und es sind nur 4 bis 5 Prozent Biomasse, die durch Wildtiere vertreten sind. Und daran sieht man schon, dass das ein Verhältnis ist, was vielleicht extrem ist. Und dass es enorm wichtig ist, eben diese Artenvielfalt zu schützen, weil jede Art auf der Erde hier eine biologische Nische ausfüllt und eine Aufgabe hat. Und wenn man an diesem Gleichgewicht etwas verändert, was wir Menschen ständig tun, dann hat man viele andere Sachen mit beeinflusst. Und ich glaube, dafür das Bewusstsein zu haben, ist ganz, ganz wichtig und Bio-Diversity ist relevant. Es ist heute noch schwer zu greifen und alles andere als einfach zu berechnen und zu gucken, welchen Einfluss haben Unternehmen darauf und wie kann man umgekehrt positiv darauf wirken, ist noch in den Anfängen, aber enorm wichtig. Und das ist ja nur eine Facette. Es gibt viele andere: CO2, Kreislaufwirtschaft, unsere Partner, unsere Lieferanten. Da gäbe es sehr viel zu erzählen und das mache ich auch weiterhin und sehr gerne.

Rainer Münch: Ja, das finde ich auch schön. Da spürt man ganz viel Leidenschaft bei Ihnen, ne? Also ganz viel Begeisterung und auch positive Energie. Und das ist, glaube ich, ja auch der Schlüssel, dass es eine positive Besetzung gibt und nicht eine negative und Restriktionen und Auflagen, sondern wirklich auch, dass es erstrebenswert ist, da was zu tun, und dass es allen letzten Endes hilft. Ist denn in dem Zusammenhang die Internationalität der Familie eine Herausforderung? Weil ich sag mal, die ja zum Teil auf die Welt verteilt sind und da auch unterschiedlich geprägt sind vermutlich, was Nachhaltigkeit angeht. Oder ist man sich da noch sehr einig?

Simone Bagel-Trah: Also da, da ist meine Wahrnehmung, sind wir uns alle sehr einig, auch vielleicht aus der Tatsache heraus, dass wir ein langfristig denkendes und generationsübergreifendes Unternehmen und auch in der Familie so sind. Ja, je älter und je größer die Familie wird, umso vielfältiger ist sie. Das ist in Bezug auch auf geografische Verteilung so, aber ich empfinde das eher als Vorteil, weil viele Strömungen dadurch sehr persönlich und präsent in Familientreffen und Zusammenkünften vertreten sind. Die heutige Möglichkeit, als junger Mensch zu lernen, zu reisen, mit eigenen Erfahrungen sich so auszustatten, ist ja noch mal ganz anders, als das zu unserer Zeit war. Ich finde das einen großen Vorteil, diese Vielfalt an Eindrücken und auch, auch Input, weil auch die junge Generation ja viel, ja, fragt, aber auch schon mit Ideen und mit möglichen Antworten kommt und das ist ja für die Diskussion immer gut.

Rainer Münch: Jetzt machen Sie mit Henkel schon viel, was Nachhaltigkeit angeht, was Verpackungsreduktion und Klimaschutz etc betrifft. Zugleich gibt es natürlich auch immer Wettbewerber, kleine Wettbewerber häufig, die noch mal deutlich nachhaltiger sind. Also Anbieter wie jetzt No Planet B in Deutschland und auch viele andere, wo letzten Endes die Aufgabe von Henkel und vom Henkel-Vertrieb natürlich ist, das eigene Produkt zu verkaufen, was dann im direkten Vergleich weniger nachhaltig ist. Ist das eine Limitation Ihrer Größe letzten Endes, dass Sie da halt auch mehr Zeit brauchen, um da hinzukommen, oder wie schauen Sie da drauf?

Simone Bagel-Trah: Das ist ein, ist ein ganz wesentlicher Punkt und die Antwort darauf ist gar nicht so einfach. Ich habe lange Zeit auch mich sehr stark gemacht und ausgesprochen für, bei uns im Portfolio, für kleinere Marken, die wirklich eine reine, ich sag jetzt mal, Biomarke oder Nachhaltigkeitsmarke waren und auch so ausgelobt waren und mir nur schwer verständlich war, dass wir damit nicht erfolgreich waren und ich viel hinterfragt habe, ob wir es alles so richtig machen. Aber ich auch sehe, dass viele dieser Marken, davon gibt es eine Reihe, aber jede von denen ist ... also manche schaffen es auch länger am Markt zu sein, aber viele sind nach einiger Zeit auch gar nicht mehr da. Und ich auch realisiert habe, dass es für uns als Unternehmen eine große Chance bedeutet, in unseren etablierten Marken Nachhaltigkeit zu integrieren. Denn wenn wir bei Persil nachhaltiger agieren, weil wir andere Rohstoffe einkaufen, weil wir die Formulierung ändern, weil wir Innovationen integrieren, die es ermöglichen, bei noch kälteren Temperaturen noch kürzer zu waschen und Persil ein Produkt ist, was es international oder in anderen Ländern mit anderen Markennamen, aber es ist eins unserer, unserer Flagship-Produkte. Und wenn wir damit nachhaltiger sind, auch wenn es vielleicht nicht als reine grüne Marke etabliert am Markt oder ausgelobt wird, aber wenn wir damit nachhaltiger sind, ist unser Einfluss eigentlich viel größer als den, den wir mit einer reinen kleinen Biomarke haben könnten.

Rainer Münch: Gibt es in dem Zusammenhang denn eine Entscheidung, die Ihnen einfällt, wo Sie den Eindruck hatten, da muss ich mich jetzt so ein bisschen zwischen Purpose und Profit entscheiden und im Sinne des Unternehmens den Profit wählen?

Simone Bagel-Trah: Wir haben manche Marken eingestellt. Da haben wir einfach dann keinen Gewinn mit gemacht. Das ist jetzt nicht für Profit, das war vielleicht dann gegen Verlust, aber die Erkenntnis zu haben, wir haben's versucht, wir haben alles Mögliche gemacht, aber es hat nicht zum Erfolg geführt. Wir waren aber auch mit manchen Produkten zu früh am Markt. Da war einfach der Markt noch gar nicht bereit dazu, dass das passiert. Das gehört aber zum Unternehmertum dann, dann auch dazu. Und manchmal stellt man auch fest, man würde gerne noch nachhaltiger agieren, aber es funktioniert noch nicht, weil die Ressourcen nicht da sind. Also wenn, gerade wenn es um Rezyklat geht und man, wir nehmen uns vor, den Anteil an Rezyklat in unseren Verpackungen zu erhöhen, funktioniert das nur, wenn auch dieser Rohstoff verfügbar ist. Und der ist nicht überall in allen Ländern in der notwendigen Qualität und vielleicht auch manchmal in dem nicht akzeptablen Preis verfügbar. Und dann macht man Zugeständnisse. Das ist im Einzelfall dann schade, aber ich muss auch sagen, wir sind alle auf einer Reise. Wir sind auf einer Reise. Wir bemühen uns jedes Jahr, besser zu werden und das werden wir auch. Und manchmal schafft man es nicht, jedes kleine Projekt, sofort von 0 auf 100 zu bringen, aber viele gleichzeitig jedes Jahr ein bisschen besser zu machen, ist in Summe nachher dann schon auch - funktioniert und ist befriedigend.

Rainer Münch: Würden Sie denn sagen, dass für Henkel dann gilt Profit for Purpose? Dass Sie da eine Entwicklung auch vorantreiben, indem Sie erfolgreich wirtschaften?

Simone Bagel-Trah: Wir hatten vor dem Interview kurz gesprochen, dieses Profit versus Purpose oder Purpose versus Profit, es muss gar kein Gegenteil, Gegensatz sein. Oft ist es beides, oft geht es Hand in Hand und das sehe ich bei Henkel bei ganz vielen Fragestellungen so. Und richtig ist auch, sehr oft: Man kann sich das mit Purpose dann besonders gut erlauben, wenn man überhaupt Profit hat. Und das, da haben Sie in Ihren vorhergehenden Podcast-Interviews oft Beispiele gehabt, die ich auch sehr, sehr, wirklich gut fand, mich gefreut hab. Die Unternehmen, vieles müssten sie nicht machen und sie machen es trotzdem aus Überzeugung, weil sie sagen, das lohnt sich zu fördern. Da werden Stiftungen gegründet, Wissenschaft wird unterstützt oder Soziales wird unterstützt aus dem Profit heraus, die die Unternehmung eben mit, mit ihrem Geschäftszweck dann auch erwirtschaftet. Und das ist deshalb schön, weil man natürlich auch Mitarbeiter damit noch, noch besser ins Unternehmen binden oder überzeugen kann, weil die mit, aus voller Überzeugung sagen: „Ich finde es schön. Ich bin stolz, dass mein Unternehmen Aktion X oder Y umsetzt und ich dabei bin. Und ich weiß, wenn ich meine Arbeit hier am Schreibtisch oder im Vertrieb oder woanders mache, dann ist es nicht nur für Profit, sondern es ist auch für gute und übergeordnete Themen der Fall.“ Vielleicht ein Beispiel aus unserer Unternehmensgeschichte, die auch diesen Dialog Profit und Purpose beschreibt, war unsere Entscheidung, das Geschäft in Russland aufzugeben, denn das war auch alles andere als einfach, denn wir hatten ein Geschäft vor 30 Jahren dort aufgebaut, etabliert. Es war ein profitables Geschäft, es war ein großes Geschäft. Wir hatten 2.500 Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter vor Ort, mehr als zehn Produktionsstätten, es war wirklich ein großes Business. Und dann zu überlegen: Können wir eigentlich unter den Konstellationen, Russland ist in die Ukraine einmarschiert und hat sie angegriffen, können wir unter der Konstellation das Geschäft weiter fortführen? Wollen wir das? Und diese Diskussion war intensiv, emotional und sachlich und anhand von Kriterien und hat nachher zu der Entscheidung geführt: Wir werden uns trennen. Aber das war eine Entscheidung gegen Profit, aus der Überzeugung heraus: Hier ist es uns wichtiger, nach unseren Werten entsprechend zu agieren, uns hinstellen zu können und zu sagen, wir haben diese Entscheidung getroffen, weil wir der Überzeugung sind zu dem Zeitpunkt damals, wir können und sollten nicht mit diesem Geschäft in Russland weiter fortführen und, weil das Land nicht so agiert, weil die Regierung, muss man sagen, nicht so agiert, wie wir das uns vorstellen und wie wir mit gutem Gewissen dort weiter agieren können.

Rainer Münch: War das damals so, dass Sie sofort realisiert haben, welche Tragweite das haben würde, auch für das Unternehmen? Oder hat sich das erst über den Prozess und die Auseinandersetzung und die Reflektion dargestellt?

Simone Bagel-Trah: Das war sicherlich ein Prozess, der über einige Wochen ging. Es war am Ende nicht sehr lang, aber es braucht auch etwas Zeit, um zu prüfen: Was haben wir da und was bedeutet auch ein Exit und wie können wir den überhaupt umsetzen? Weil sich von einem ganzen Land zu trennen, das zu entscheiden, ist das eine, es umzusetzen, ist das andere, weil ja plötzlich auch viele Restriktionen gegolten haben und viele Firmen ihre Unternehmungen dort eingestellt haben. Alleine das Land von der IT abzuschneiden, wo auch Henkel Russland mit SAP gearbeitet hat, aber SAP in Russland nicht mehr agiert, muss man trotzdem gewährleisten, dass der Unternehmensteil dort fortgeführt werden kann mit anderen IT-Lösungen. Das ist nur ein Beispiel. Es musste sehr gut geplant werden, damit es überhaupt funktioniert. Wir hatten aber eine Kriterienliste, anhand der wir immer uns in der Diskussion entlang gearbeitet haben, die sehr sachlich orientiert war, um zu gewährleisten, dass wir jetzt keine kurzfristige, nur emotional getriebene Entscheidung treffen, sondern dass wir das sehr gut unterlegen können mit den für uns relevanten Argumenten.

Rainer Münch: Ich denke, zum Abschluss wird es noch mal ein bisschen leichter, wenn wir jetzt aus dieser Russland-Thematik kommen. Ich hatte Sie, wie all meine Gäste gebeten, sich eine Frage aus Max-Frisch‘ Fragebogen auszusuchen und Sie hatten: „Haben Sie Humor, wenn Sie alleine sind?“ ausgewählt. Wie kamen Sie auf diese Frage und was ist Ihre Antwort darauf?

Simone Bagel-Trah: Ich hätte mehrere Fragen nehmen können. Ich hatte nachher zwei in die nähere Auswahl genommen und die eine wäre „Ist Natur Ihr Freund?“ Aber da dachte ich, kann ich auch schon an anderer Stelle in dem Podcast beitragen. Insofern fand ich das mit dem Humor schön, weil ich glaube, dass das enorm wichtig ist. Dass Humor im Leben eine wichtige Rolle hat und vielleicht gerade dann, wenn man auch mal alleine ist. Denn ich finde es so wichtig, sich selbst nicht zu wichtig zu nehmen, sich nicht zu ernst zu nehmen und das, was man macht oder einem widerfährt, auch so sehen zu können. Und ich glaube, jeder von uns hat Gelegenheiten im Kopf, da widerfährt einem ein Missgeschick. Also das Toastbrot fällt auf die falsche Seite, man kippt die Tasse um und alles ist nass. Dann denke ich immer: Komm, das sind die kleinen Widrigkeiten des Alltags, die der so für dich parat hat. Ist nicht weiter schlimm. Und wenn's Dinge sind, die von außen vielleicht kommen, wo man wirklich manchmal gar nichts dafür kann und man ist dann wirklich misslich schlecht gelaunt oder irgendwas, dann denke ich oft: Komm, jetzt stell Dir mal vor, es wäre nicht Du, der betroffen ist. Stell Dir vor, dieselbe Situation guckst Du Dir im Fernsehen an, eine Familienkomödie oder so. Du würdest herzlich lachen über die Situation. Und das hilft mir dann, einfach Abstand zu gewinnen und zu sagen: Ja, im Moment fühlt sich's nicht gut an, aber ehrlich gesagt, es ist nicht so wichtig, es ist nicht so schlimm. Ein Jahr von heute nach hinten betrachtet, hast Du es längst vergessen, und aus dem Weltall sind wir alle sowieso nicht so relevant. Ja, also bisschen Humor dabei zu haben, hilft, hilft immer.

Rainer Münch: Kommt es vor, dass Sie alleine laut lachen oder ist es eher leise?

Simone Bagel-Trah: Nö, ich kann auch laut lachen.

Rainer Münch: Na, das finde ich schön. Und wie Sie sagen, würde ich auch so sehen, dass da ganz viel drinsteckt an Haltung, an Perspektive auf einen selbst, auf die Umgebung. Und ich kann mir vorstellen, dass gerade auch in Ihrer Rolle wahnsinnig wichtig ist, da sich nicht selbst zu wichtig zu nehmen und im Vordergrund zu sehen, sondern auch ein bisschen drauf zu schauen…

Simone Bagel-Trah: … aber noch, noch, noch schöner als alleine zu lachen, ist natürlich, in Gesellschaft zu lachen. Was gibt es Schöneres als einen humorvollen Abend, eine tolle Unterhaltung oder auch manchmal ein Kabarett, wo man einfach anderthalb Stunden nonstop lachen kann? Das fühlt sich einfach extrem gut an.

Rainer Münch: Ja. Das stimmt natürlich. Dann jetzt zu meiner Abschlussfrage. Gibt es denn ein persönliches Henkel-Lieblingsprodukt, was Sie haben?

Simone Bagel-Trah: Ja, da habe ich natürlich mehrere, und die ziehen sich so durch den Alltag. Das sind dann meistens Konsumentenprodukte. Ich wasche total gerne mit all den Perwoll-Optionen für Sport, für Farbiges, für Schwarzes, für Weißes. Meine langen Haare freuen sich über die Gliss-Anti-Spliss-Kur und besonders gerne kleben tue ich mit dem Pritt-Stift. Wir haben dasselbe Geburtsjahr. Aber neben diesen so greifbaren Lieblingsprodukten gibt es bei uns in den Industrieanwendungen halt auch unglaublich viele spannende Geschichten zu erzählen. Gut die Hälfte unseres Geschäftes sind Industrieklebstoffe, dichten und Beschichtungen, die sich sehr trocken anhören, aber die total spannend sind. Wenn Sie wüssten, wo Sie heute schon überall in Kontakt gekommen sind mit unseren Klebelösungen. Das fängt an, weil wenn man die Kühlschranktür aufmacht, in Milchprodukten, in flexiblen Verpackungen, die man verwendet, wahrscheinlich in Ihren Sneakern, ganz bestimmt in Ihrem Smartphone, in Ihrem Tablet. Sie sind mit dem Fahrzeug und Flugzeug angereist. Überall sind Henkel-Klebstoffe drin. Und wenn man so eine rote Linie durchziehen würde durch alles, dann würden Sie viele rote Linien sehen. Und besonders begeistern kann ich mich im Moment für unsere Lösung, die wir in Infrastrukturthemen anwenden, wenn es darum geht, Windenergie zu erzeugen oder Pipelines für Gas, für Wasser und Ähnliches instand zu halten, dann bietet Henkel da tolle Möglichkeiten, denn es geht ja nicht nur darum, ein neues Windrad aufzustellen, sondern insbesondere die, die wir haben, auch langfristig am Laufen zu halten und zu reparieren, wo es was zu reparieren gibt. Und das Gleiche gilt für Pipelines, die ansonsten ein Loch haben oder stillgelegt werden. Und da bietet Henkel wirklich tolle Möglichkeiten.

Rainer Münch: Ich denke, diese Produktbegeisterung ist ein schöner Abschluss, liebe Frau Bagel-Trah. Ich danke Ihnen ganz herzlich für das schöne Gespräch.

Simone Bagel-Trah: Vielen herzlichen Dank, Herr Münch. Es hat Spaß gemacht.

[Das Gespräch wurde aufgezeichnet am 29. Juli 2026.]

    Dr. Simone Bagel-Trah ist Vorsitzende des Aufsichtsrats und des Gesellschafterausschusses von Henkel. In dieser Rolle vertritt sie die Interessen von rund 130 Familienmitgliedern und trägt zugleich Verantwortung für die langfristige Entwicklung des Unternehmens.

    In der aktuellen Folge spricht sie darüber, warum für sie „Firma vor Familie“ gilt – und weshalb dieser Satz nicht gegen die Familie gerichtet ist, sondern für nachhaltige Entscheidungen im Sinne des Unternehmens, seiner Mitarbeitenden, Partner und Eigentümer steht.

    Im Gespräch geht es außerdem um Familien-Governance, die Verbindung von Tradition und Veränderung sowie die Auswahl werteorientierter Führungskräfte. Weitere Themen sind der verantwortungsvolle Einsatz von Künstlicher Intelligenz, Nachhaltigkeit und Biodiversität.

    Sehr konkret wird das Spannungsfeld zwischen Purpose und Profit beim Rückzug von Henkel aus Russland: eine wirtschaftlich schmerzhafte Entscheidung, die aus Überzeugung getroffen wurde.

    Besonders persönlich wird es, als Simone Bagel-Trah ihren Wertegegenstand vorstellt: eine kleine Silberschale mit Familienfotos, Botschaften und wechselnden Gedanken – ein lebender Gegenstand zwischen Wurzeln, Gegenwart und Zukunft.

    Das Gespräch wurde aufgezeichnet am 29. Juli 2026.

    Den Podcast gibt es hier: Apple Podcasts | Spotify | Youtube | Amazon

    “Ich bin neugierig, ich lerne gern, ich hinterfrage viel und entwickle mich gerne weiter“

    „Richtung Firma haben wir den schönen Satz ‚Firma vor Familie‘, weil wir der Meinung sind, es ist ganz vorrangig, prioritär wichtig, dass es dem Unternehmen gut geht“

    „Ich bin Ideensammler, würde ich sagen“

    „…eine Liebeserklärung von meiner Schwester, eine Postkarte, weil ich, wie ich schon sagte, zuverlässig und auch diszipliniert bin, die sie mir geschickt hat zum Geburtstag mit einem gelben Schmetterling abgebildet, auf dem steht: Was Du heute kannst besorgen, das ... Oh, ein Zitronenfalter“

    Rainer Münch: Willkommen bei Purpose versus Profit. Ich bin Rainer Münch und ich unterhalte mich hier mit meinen Gästen über die Werteorientierung im Geschäftsleben. Für die heutige Folge bin ich im Büro von Dr. Simone Bagel-Trah am Henkel-Hauptsitz in Düsseldorf zu Gast. Hier sprechen wir über ihre Verantwortung an der Schnittstelle zwischen einem globalen DAX-Konzern und einer Eigentümerfamilie mit rund 130 Mitgliedern. Wir sprechen darüber, wie Zusammenhalt über fünf Generationen gelingt, warum der Grundsatz „Firma vor Familie“ gilt und welche Elemente für den Erfolg unverzichtbar sind. Es geht um werteorientierte Führung in Zeiten von KI, um Nachhaltigkeit und darum, wie wir uns ein „Universum an Schönheit“ erhalten können. Und es geht um Entscheidungen, bei denen Haltung konkret etwas kostet. Besonders persönlich wird das Gespräch bei ihrem „lebenden“ Wertegegenstand: einer kleinen Silberschale mit wechselnden Fotos und Gedanken. Und nun viel Spaß mit der heutigen Folge.

    Dr. Simone Bagel-Trah studierte Biologie, promovierte und gründete ein Unternehmen für klinisch-mikrobiologische Forschung und Kommunikation. Als Ururenkelin des Henkel-Gründers Fritz Henkel ist sie seit 2009 Vorsitzende des Aufsichtsrats und des Gesellschafterausschusses von Henkel. Zudem engagiert sie sich unter anderem für Wissenschaft und naturwissenschaftliche Bildung. Sie ist verheiratet und Mutter von zwei Kindern. Liebe Frau Dr. Bagel-Trah, herzlich willkommen bei Purpose versus Profit.

    Simone Bagel-Trah: Vielen Dank für die Einführung, Herr Münch.

    Rainer Münch: Ich möchte starten ganz am Beginn ihres Werdegangs. Sie sind nach der Scheidung Ihrer Eltern bei Ihrer Mutter groß geworden und hatten damit zunächst eine große Distanz zum Unternehmen. Sie haben mal gesagt, es sei ein herrliches, anonymes Großwerden gewesen, was Sie im Nachhinein als großes Geschenk empfunden haben. Was würden Sie dann im weiteren Werdegang als die entscheidenden Weichenstellungen bezeichnen, die Sie in Ihre heutige Rolle und Verantwortung gebracht haben?

    Simone Bagel-Trah: Also für mich ist tatsächlich die Grundschule eine Weichenstellung gewesen, Montessori-Grundschule mit einer tollen Lehrerin und dem Konzept „Hilf mir es selbst zu tun". Ich glaube, das war ein, schon ein sehr guter Start. Eine weitere Weichenstellung war sicherlich das Biologiestudium. Mich faszinieren bis heute Lebenswissenschaften, die Natur, Organismen, und das hat eine Richtung vorgegeben. Und am Ende auch eine Weiche gestellt, warum ich überhaupt Mitglied im Cognis-Aufsichtsrat werden konnte, weil mit der Biologie dann eben auch Mikrobiologie, bisschen Biochemie, verbunden war. Sicherlich das Thema Selbstständigkeit: Also, ich wollte gerne selbstständig sein, eine kleine Firma gründen, und hab da unheimlich viel Erfahrung gesammelt, was mir auch viel Unabhängigkeit gegeben hat. Das war so mein erster Entwurf meines Lebensweges, was ich werden wollte. Sicherlich auch eine gute Weichenstellung ist einfach mein kleiner Familien-, mein eigener Familienkontext. Ich bin, Sie haben es gesagt, nach der Scheidung der Eltern bei der Mutter groß geworden. Wir sind aber eine tolle Patchwork-Familie, und schon in frühen Jahren lernen zu können, wie es funktioniert, in und mit 'ner größeren Familie mit unterschiedlichen Meinungen dennoch zusammenzuhalten, ist sicherlich eine ganz wertvolle Erfahrung. Und schlussendlich meine Eigenschaft: Ich bin neugierig, ich lerne gern, ich hinterfrage viel und entwickle mich gerne weiter, hat sicherlich auch dazu beigetragen.

    Rainer Münch: Jetzt gibt’s vermutlich wenige Rollen in Deutschland, die mit Ihrer zu vergleichen sind. Sie sind an der Schnittstelle zwischen einem internationalen DAX-Konzern und einer inzwischen recht weit verzweigten Familie mit 130 Mitgliedern, auch international. Wie haben Sie sich darauf vorbereitet und was würden Sie sagen, waren so Ihre größten persönlichen Weiterentwicklungsschritte seit Ihrem Amtsantritt vor 17 Jahren?

    Simone Bagel-Trah: Also das war natürlich, wenn man's 2009 betrachtet, die Übernahme der Verantwortung Vorsitz Gesellschafterausschuss, Aufsichtsrat und Sprecherin der Familie, war wirklich eine große Aufgabe, auf die ich mich auch sehr ernsthaft vorbereitet habe, denn das ist nach wie vor etwas, vor dem ich großen Respekt hab. Ich hatte die große Chance und das große Glück, dass mein Vorgänger im Amt, Albrecht Woeste, sich auch viel Zeit genommen hat, mich zu informieren, mich mitzunehmen zu seinen Terminen. Er hat seinen Posteingang mit mir geteilt, sodass ich nach der Vorbereitungszeit im ersten Jahr im Amt keine echte Überraschung erlebt habe, sondern alles schon mal vorher gesehen oder vorher mit ihm durchdacht und besprochen habe. Das war wirklich sehr, sehr wertvoll. Seitdem gibt es viele Themen, viele Herausforderungen und genug Gelegenheiten, um zu lernen – für mich extrem wichtig und das hört auch nicht auf. Und wenn man, Sie mich fragen: „Wie habe ich mich vorbereitet?", dann ist das: einerseits viele Themen, die ich mir selber gesetzt habe, wo ich auch gemerkt habe, da muss ich noch etwas nachholen. Da habe ich einen gewissen Grundkenntnisstand, aber nicht den, den ich brauche, um das Amt auch verantwortungsvoll auszuführen. Und in anderen Bereichen fühlte ich mich schon ganz gut ausgerüstet. Und daraus die richtige Mischung und Balance zu finden, ist für einen Zeitpunkt immer möglich, aber man bleibt ja nicht stehen. Da verändert sich das Umfeld, die Anforderungen und insofern bin ich weiterhin ständig lernend.

    Rainer Münch: Fühlt sich die Rolle denn heute für Sie grundlegend anders an als vor 10 oder 15 Jahren?

    Simone Bagel-Trah: Also ich würde sagen, es gibt Themen und Aspekte, die sind gleichgeblieben, und manche haben sich auch verändert. Gleich geblieben ist sicherlich der Respekt vor der Aufgabe, aber auch die Freude an der Aufgabe. Es ist eine große Verantwortung, aber auch eine herrliche Vielfalt an Themen, an tollen Gesprächspersonen und -partnern. Das ist wirklich toll und das ist genauso geblieben. Geblieben ist auch die langfristige Verantwortung, dieses generationsübergreifende Denken. Das hat sich auch nicht verändert. Das ist auch eine ganz wichtige Säule. Verändert haben sich, hat sich die Rolle insofern, als dass, ich würde sagen, die Anforderungen größer geworden sind. Was ein Aufsichtsrat heute erbringen muss, die Regularien, die Corporate Governance, die Erwartungshaltung, die Zeit, die man investieren muss in vieles, hat zugenommen. Die Tiefe der Themen, die Breite der Themen und auch die Geschwindigkeit. Die Welt dreht sich schneller, angesichts geopolitischer Themen, Digitalisierung, KI überall, Zölle, die erhoben werden, die morgen wieder wegfallen. Also diese Themen, die Amplitude der Ausschläge, die Frequenzvolatilität ist wirklich deutlich erhöht. Kommunikation war immer wichtig, früher auch schon, aber verändert hat sich meiner Meinung nach auch die Erwartungshaltung, was und wie kommuniziert wird, wie transparent alles sein soll, die Erwartungshaltung an Führungspersönlichkeiten, sichtbar zu sein, präsent zu sein, eine Haltung zu haben. Das hat in meinen Augen auch, hat sich auch verändert.

    Rainer Münch: Sehen Sie das als Vorteil, dass da mehr Nähe, mehr Transparenz ist, dass ein Unternehmen wie Henkel die Werte heute anders transportieren kann?

    Simone Bagel-Trah: Also das hat auch für mich zwei Seiten. Eins ist tatsächlich, ich finde es schön, dass es heute anders ist als früher. Es ist viel offener. Es ist viel unkomplizierter. Kommunikation geht leichter. Das finde ich, finde ich sehr vorteilhaft. Das geht bei uns bei Henkel einher mit einer Cultural Journey, die wir auch die letzten Jahre gemacht haben, wo das Thema Leadership sich verändert hat, die Kommunikation unter unseren Mitarbeitern/Mitarbeiterinnen. Das hat sich positiv verändert, weil Hierarchien abgebaut worden sind, weil die Fähigkeit und „willingness to give and receive feedback“ heute eine ganz andere ist. Das ist, finde ich alles von Vorteil. Und das bringt die Chance mit, auch Werte sichtbarer zu machen, öfter Gelegenheit zu haben, über Werte zu sprechen und im Austausch zu sein. Das finde ich sehr gut. Manchmal kritisch finde ich die Idee, alles transparent zu machen. Ich glaube nicht, dass das überall von Vorteil ist. Ich finde, in Sachen Politik wäre es oft besser, die Verantwortlichen würden sich in Ruhe Gedanken machen und zusammen eine Lösung erarbeiten und mit einem Ergebnis kommen, als zwischendurch viele Wasserstandsmeldungen transparent zu kommunizieren. Davon hat in meinen Augen oftmals weder diese Gruppe noch die Gesellschaft etwas. Da finde ich es in Ordnung, wenn man ab und zu mal sagt: „Wir kommen damit, wenn es gar ist, aber zwischendurch braucht es eigentlich noch keiner mitzudiskutieren."

    Rainer Münch: Jetzt spricht das Unternehmen Henkel von fünf Werten, die Handeln, Entscheidungen und Verhalten prägen. Dabei geht's verkürzt um Kundinnen, Mitarbeitende, wirtschaftlichen Erfolg, Nachhaltigkeit und die Tradition als Familienunternehmen. Sind diese Unternehmenswerte zugleich auch die Familienwerte oder würden Sie da grundlegend unterscheiden?

    Simone Bagel-Trah: Vielleicht kurz zur Entstehung dieser Werte: Das war schon eine gemeinsame Diskussion, natürlich vom Management angestoßen. Was sind richtige Werte für das Unternehmen? Aber sehr wohl gemeinschaftlich auch mit dem Gesellschafterausschuss diskutiert und auch bei einer Veranstaltung mit Familienmitgliedern präsentiert und diskutiert. Insofern gibt es da schon ein Alignment darüber, dass wir die gut finden. Sind das exakt die gleichen Werte, die wir als Familie auch hätten? Nein. Wir sind kein Unternehmen. Wir sind eine Familie. Und für uns gibt's Themen, die wir als extrem wichtig erachten, in Richtung Firma, aber auch in Richtung unseres eigenen Familienlebens. Richtung Firma haben wir den schönen Satz „Firma vor Familie", weil wir der Meinung sind, es ist ganz vorrangig, prioritär wichtig, dass es dem Unternehmen gut geht, dass Entscheidungen getroffen werden im Unternehmenszweck und -sinne. Und wenn's der Firma gut geht, geht's auch den Mitarbeitern gut und den Lieferanten und am Ende auch den Shareholdern. Als Familie ist für uns wichtig, dass wir dieses langfristige, generationsübergreifende Denken haben, dass wir eine hohe Identifizierung mit uns selbst, Familienzusammenhalt, da sehen wir einen Mehrwert drin, eine große Familie zu sein. Wir haben so viele unterschiedliche Berufsbilder, unterschiedliche Persönlichkeiten. Wir leben in verschiedenen Ländern. Das ist eine herrliche Vielfalt, aus der wir viel Energie ziehen und die wir sehr positiv sehen.

    Rainer Münch: Im Kontext Werte und Transparenz: Und wir befinden uns ja im Jahr, in dem Henkel 150 werden wird am 26. September, und anlässlich dieses Jubiläums gibt's ein Buch von Professor Joachim Scholtyseck mit dem Titel „Henkel – Vom Waschmittelhersteller zum Weltunternehmen". Ist ein richtiger Schmöker geworden, fast 900 Seiten. Da wird die Geschichte des Unternehmens, auch der Familie aufgearbeitet, eingeordnet, insbesondere auch die NS-Zeit, was aus meiner Sicht noch mal die Konsequenz der Wertehaltung von Henkel unterstreicht. Gab's denn für Sie persönlich auch neue Erkenntnisse aus dieser Forschung, aus diesem Buch über die Familie, über das Unternehmen?

    Simone Bagel-Trah: Also zum Ersten fand ich es gut, dass wir das Projekt angegangen sind. Es hat mehrere Jahre in Anspruch genommen, die die Forschungen von Herrn Professor Scholtyseck da angedauert haben, aber es ist mit den vielen Seiten, die Sie genannt haben, auch ein wirklich gutes Werk dabei herausgekommen. Ich hab das gelesen. Ich finde, es ist umfassend, aber es ist auch - es steht wirklich viel drin und es sind ganz viele Dinge, die ich vorher nicht wusste, die in dem Buch enthalten sind. Sehr schön fand ich einfach noch mal zu realisieren, dass es nicht eine Geschichte ist von einigen Persönlichkeiten, die das 150 Jahre geschaffen haben, was hier heute steht, sondern dass es wirklich ein Netz aus Menschen, aus Ideen, aus Zusammenwirken über die Jahrzehnte, über die Generationen. Und dieses Netz, das Geflecht sind, ja, Familienmitglieder, meine Vorfahren, da bin ich auch sehr stolz, aber natürlich auf der Firmenseite unendlich viele Führungskräfte, die daran mitgeholfen haben, dass Henkel am Ende so groß geworden ist, wie es heute ist. Interessant zu lesen, die NS-Zeit. Gut, dass wir das aufgearbeitet haben. Es gab jetzt keine Überraschungen, aber doch mehr, deutlich mehr Informationen, was ich sehr gut fand. Gerne gelesen habe ich die vielen Kapitel am Ende, wo es um übergreifende Entwicklung in einzelnen Ländern oder Regionen geht. Da noch mal nachzulesen, wie unternehmerisch wir damals gewesen sind im Erobern von einem Land, in dem noch vorher keine Aktivität war und wie man dann eigentlich dahin gelangt, dass man da auch, ja, mit Business präsent ist.

    Rainer Münch: Ich denke, es ist auch beeindruckend per se, dass es eben 150 Jahre sind, die da beschrieben werden. Und es gibt international kaum ein Beispiel von einem Unternehmen, von einem Familienunternehmen, dem es gelingt, über so viele Generationen auch so eine ausgeprägte Werteorientierung und Geschlossenheit zu erreichen. Was ist denn das Erfolgsgeheimnis aus Ihrer Sicht?

    Simone Bagel-Trah: Ja, da gibt's wahrscheinlich mehrere und so geheim sind sie auch nicht. Ich würde denken, als Erfolgsfaktoren ist zum einen zu nennen, diese Familie selbst. Also eine solche Einheit zu haben, ist ein großes Geschenk. Es gibt ja auch viele andere Beispiele, bei denen es nicht so gut gelingt. Und ich würde als erstes mal sagen, ein großes Dankeschön an alle Familienaktionäre, an alle Familienmitglieder, die sich hinter dieses Unternehmen scharen und stellen und sagen: „Dafür bilden wir eine Einheit. Unser größtes Gut ist unsere Einigkeit. Und wir haben keine Individuen, die ausscheren oder sich selbst verwirklichen auf Kosten von, sondern alle nehmen das Unternehmen und unsere Gemeinschaft als das höhere, größere Gut." Viel, glaube ich, ist tatsächlich Erziehung, Vorleben und zeigen, was wir für uns als wichtig erachten. Was sind unsere Werte und wie leben wir sie auch? Und das ist einerseits, ja, kann man das aufschreiben, aber andererseits – Sie haben erzählt, Sie haben fünf Kinder – sehen ja alle insbesondere Kinder eher, was die Eltern machen, als das, was sie so sagen. Und deshalb, glaube ich, ist eben auch wichtig, dass alle in der Familie auch sehen, wie wir als Familie agieren und die nachfolgenden Generationen auch in diesem Kontext so groß werden. Wichtig finde ich als weiteres Erfolgskriterium, dass beides möglich ist: Dass man einerseits eine 150-jährige Geschichte hat, aus der Geschichte lernt, dass wir uns über Wurzeln bewusst sind und Tradition, und gleichzeitig die Fähigkeit haben, auch Dinge infrage zu stellen, sich weiterzuentwickeln, sich über Veränderungen als Möglichkeit, manchmal auch Notwendigkeit, sich darüber zu freuen und zu sagen: „Ja, jetzt geht es weiter, jetzt geht es anders, aber was kann ich Gutes daran finden?" Nicht, nicht zu mäkeln: „Früher war alles besser", sondern zu schauen, wo eben auch Chancen und Optionen liegen. Und ich habe mal das Bild eines Baumes verwendet, weil ich glaube, das funktioniert ganz gut und weil ich auch mit meinem Background aus Naturwissenschaften auch gerne Vergleiche suche in die Richtung. Und so, glaube ich, ist ein Baum ein ganz gutes Symbol dafür, weil der mit seinem starken Stamm steht und der hat Wurzeln in der Erde und zieht daraus viel Kraft. Und jedes Jahr fängt er an, wieder Blätter zu bilden und neu auszuschlagen. Hier kommt ein Zweig mehr und ein Ast dazu. Und die Blätter sind jedes Mal vielleicht neue Ideen, können entweder Unternehmensprodukte sein, können Familienideen sein, wie sich so ein Unternehmen über viele Generationen weiterentwickelt. Am Ende des Jahres fallen Blätter runter, aber die sind der Nährstoff für das, was in der nächsten Wachstumsperiode entsteht. Und so ist all das, was schon mal da gewesen ist an Ideen, natürlich auch wieder Nahrung für Zukünftiges. Und da der Baum meistens nicht alleine steht, sondern auch andere drumherum, kriegt man natürlich auch Nährstoff und Ideen von dem, was außen rum ist und verarbeitet das. Und diese Kontinuität, glaube ich, ist ein ganz, ganz gutes Bild dafür, dass es immer irgendwie weitergeht.

    Zu der Frage, warum ist es uns gelungen, über so viele Jahrzehnte hinweg zusammenzubleiben, ist eine Antwort: unsere Governance. Wir haben eine ganz klare Governance, eine sehr klare Rollenverteilung: Wer ist wofür zuständig? Und das ist auch hilfreich und nötig, um auf der Familienseite einer professionell organisierten Firma auf der anderen Seite gegenüberzustehen. Und Henkel war mal ein 100 Prozent Familienunternehmen, in dem Führungspositionen durch Familienmitglieder eingenommen worden sind. Konrad Henkel war das letzte Familienmitglied, was als CEO auch agiert hat, und danach haben wir das Ownership und Management voneinander getrennt. Und gerade seitdem ist es besonders wichtig, klar zu definieren: Wer hat welche Aufgaben? Was macht das Management? Was macht unser Gesellschafterausschuss als wichtiges Überwachungs-, Weisungs-, Mitdiskutierungs- und Entscheidungsorgan? Und diese Governance, die wir haben, glaube ich, ist sehr gut aufgesetzt. Die existiert sehr lange. Da haben wir kaum Nachjustierungsbedarf gehabt, weil wir als Familie Mitglied im Gesellschafterausschuss sind und im Aufsichtsrat, aber nie alleine, sondern immer gesagt haben, es ist für uns wichtig, professionelle externe Expertise am Tisch zu haben durch Personen, die aus Industriezweigen kommen, die für Henkel relevant sind, die Erfahrungen an den Tisch bringen, die unsere ergänzen. Und das, denke ich, ist für uns als Erfolgsbestandteil auch ein wichtiger Aspekt.

    Rainer Münch: Jetzt haben wir über die Werte vom Unternehmen gesprochen, ein bisschen über die Familie. Wie ist das denn bei Ihnen persönlich? Was würden Sie als Ihre persönlichen Werte beschreiben?

    Simone Bagel-Trah: Ich bin sehr zuverlässig. Ich bin sehr integer. Für mich ist das als Mensch wichtig, aber ich glaube auch in der, in den Rollen, die ich im Unternehmen oder auch in der Familie habe, sind das Eigenschaften, die wichtig sind, die mir auch entgegenkommen und ich das umgekehrt auch mir wünsche vom Gegenüber, dass ich mich da genauso drauf verlassen kann, dass wenn man Dinge bespricht, dass die, wenn man das sagt, im Raum bleiben, sonst natürlich nicht zwingend. Das finde ich ganz wichtige Eigenschaften. Ich finde dieses neugierig sein, offen sein, tolerant sein, Weltoffenheit ist für mich auch ein ganz wichtiger Wert. Und damit einhergehend auch persönliche Weiterentwicklung. Immer noch mal zu gucken: Wie war der Tag heute? Was hätte ich vielleicht besser machen können? Make everyday an opportunity. Wirklich zu gucken: Wo kann ich mich eigentlich sinnvoll einbringen, um das, was mir mitgegeben ist, auch einzusetzen für andere? Und vielleicht da zu gestalten, wo es, wo es einem wichtig ist.

    Rainer Münch: Jetzt hatte ich Sie gebeten, wie all meine Gäste, einen Wertegegenstand mitzubringen, einen Gegenstand, der Ihnen was bedeutet. Was ich hier vor mir sehe, ist eine, ja, so 'ne Art Silberschale, wie so 'ne flache Badewanne, handtellergroß, mit verschiedenen, mit, glaub ich, fünf Füßen insgesamt und auch mit Verzierungen am Rand und dann verschiedene Fächer, wo man etwas reinstellen kann. Und Sie haben das befüllt mit verschiedenen Fotos und Postkarten und auch Ausschnitten aus, ich weiß nicht, ob's ein Kalender ist, aber jedenfalls mit sozusagen einem Spruch drauf. Was hat es mit dem Gegenstand auf sich und was bedeutet er Ihnen?

    Simone Bagel-Trah: Ja, das ist tatsächlich ein, ähm, aus dem Haushalt meiner Großmutter ein kleines Schälchen, in dem vielleicht Servietten oder, oder etwas Ähnliches, auch gelagert wurden. Das steht bei mir zu Hause auf dem Schreibtisch und es ist, wie wir festgestellt haben, auch schon recht angelaufen. Aber es ist für mich ein Gegenstand, der, in ständiger, ja nicht nur Beobachtung ist, weil es mir gegenübersteht, aber auch in Bearbeitung. Er beinhaltet Fotos von meiner Familie. Das ist 'n Foto meiner Eltern oder Geschwister, Kinder, Großeltern, Erinnerungsstücke, weil ich viel schon auch aus meiner Familie ziehe, aus Tradition ziehe, Wurzeln, was mir mitgegeben wurde, was ich als wertvoll erachte, mein, quasi mein Fundament, auf dem ich stehe. Da gibt's einige Belegstücke sozusagen und die wechseln auch ihren Platz. Dann ist mal ein Foto vorne und dann ist eben auch mal ein anderes Foto vorne und da sind auch unterschiedliche Formate, sodass man selbst, wenn was dahinter steht, oft noch sehen kann, was es ist. Es sind kleine Zettel, die ... oder Gebasteltes, da ist was Gebasteltes, was meine Schwester und ich für unsere Mutter gebastelt haben. Das ist also schon sehr alt und so sieht es auch aus. Aber da sind auch Zettel von meinen Kindern, die mir was zum Muttertag schreiben, eine Liebeserklärung von meiner Schwester, eine Postkarte, weil ich, wie ich schon sagte, zuverlässig und auch diszipliniert bin, die sie mir geschickt hat zum Geburtstag mit einem gelben Schmetterling abgebildet, auf dem steht: „Was Du heute kannst besorgen, das ... Oh, ein Zitronenfalter.“ Dass man eben, dass ich's auch manchmal schaffe, die Dinge, die Dinge sein zu lassen und mich den schönen Elementen oder auch Abwechslungen des Lebens zu widmen. Es sind Kalenderblätter dabei mit Sprüchen, die ich wichtig finde, weil sie grade meine momentane Verfassung widerspiegeln oder mich inspirieren und motivieren, das eine oder andere anders zu machen. Also neben dem Wert Tradition und Wurzeln einerseits eben auch versinnbildlicht Zukunft, Veränderung, was und wie möchte ich vielleicht die Welt sehen? Was ist aus meiner Warte heute relevant? Und das, wie gesagt, wechselt dann so ein bisschen den Platz und die Sichtbarkeit. Manches fällt raus aus dem Sammelsurium und manches kommt hinein. Also ein lebender Wertegegenstand, wenn Sie so wollen.

    Rainer Münch: Das finde ich auch so schön und das differenziert Sie auch von allen bisherigen Gästen tatsächlich. Also die bisherigen Gegenstände waren immer stabil in ihrer Zusammenstellung und ich finde das irgendwie auch bezeichnend, dass Sie was haben, was sich eben auch kontinuierlich verändert, wo Sie Prioritäten anders setzen und eben auch unterschiedliche Impulse setzen und dafür offen sind und dass da so 'n, so 'n Dialog fast stattfindet, mit dem, was Sie so aufschnappen und…

    Simone Bagel-Trah: …ja. Alles ist schwer, bevor es leicht ist. Ist ein Spruch. Das, ja, also so, es sind eben verschiedene Themen darin und manch einer hat vielleicht auch zu Hause 'ne Pinnwand und das ist, ist ja, ist was Ähnliches und das finde ich immer ganz schön, was, dass man das ein bisschen verändern kann.

    Rainer Münch: Kommt's Ihnen manchmal vor, dass Ihr Blick hängen bleibt und Sie 'n Impuls dann irgendwie da auch draus ziehen?

    Simone Bagel-Trah: Ja, ja, das… Tatsächlich. Das sind jetzt ja nur drei Kalenderblätter. Ich habe mehrere aufgehoben. Ich bin ein Mensch, der für, für…: Ich bin Ideensammler, würde ich sagen. Ich habe ganz viele Gedanken im Kopf, die finden sich dann auf Zetteln wieder oder auf andere Art und Weise und die, die finde ich auch alle ab und zu mal wieder. Das ist auch gut. Die liegen nicht immer alle präsent, aber die gehe ich ab und zu mal durch und so habe ich da viele Themen, die mich inspirieren. Ich habe auch eine Tafel an der Wand, wo ich noch mal für mich aufgeschrieben habe: Was ist eigentlich mein Purpose? Was möchte ich dieses Jahr gerne umsetzen? Was sind meine fünf, sechs wichtigen Themen für das Jahr, was aber vielleicht auch im Monat relevant ist, um das einfach ab und zu mal vor Augen zu haben und sich wieder zu fokussieren auf das, was wichtig ist.

    Rainer Münch: Ich würde an der Stelle gerne noch mal 'ne Brücke bauen zur Familien-Governance und Ihren persönlichen Werten, weil Sie haben ja auch betont, dass da auch eine Trennung stattfindet zwischen Familie und eben dem Management, wo die Stellen extern besetzt werden. Und Sie haben an verschiedenen Stellen schon betont, dass die Haltung natürlich 'ne wichtige, ein wichtiges Kriterium ist für die Besetzung von Vorstandspositionen. Wie bilden Sie sich denn eine Meinung zur Haltung eines Kandidaten, einer Kandidatin?

    Simone Bagel-Trah: Also ich finde, dass das mit zu den wichtigsten Themen gehört: Wer ist in Führungspositionen? Weil das auch die Kultur eines Unternehmens mitbestimmt. Wir kommen sicherlich immer von oben nach unten auch, auch durch: Welche Themen sind die relevanten? Wo werden Akzente gesetzt? Deshalb finde ich das enorm wichtig. Und ich bin zwar schon viele Jahre hier bei Henkel und lerne auch viel. Ich war aber nie Mitarbeiter hier. Ich habe hier keine Führungskarriere im Haus gemacht. Ich war nie im Accounting, ich habe nie F&E gemacht. Ich war auch nicht, nicht im Sales. Deshalb finde ich es umso wichtiger, dass wenn, wenn ich das selbst nie gemacht habe, dass ich die Menschen dahinter kenne, die das machen. Und so ist bei mir tatsächlich viel Zeit in meinem Kalender allokiert, in Gespräche, in Menschen kennenzulernen, um A) zu hören: Was machen die so jeden Tag? Dann lerne ich nämlich: Wie funktioniert das mit dem Accounting oder was macht F&E in der nächsten Zeit? Aber insbesondere, um zu verstehen: Was ist das für ein Mensch, der mir gegenübersitzt? Was hat er für Gedanken? Welche Fragen stellt er? Wessen Geistes Kind ist er? Das finde ich, finde ich total relevant. Und je weiter man nach oben in den Führungsetagen geht, sind sie alle fähig. Sie haben Performance gezeigt, sonst wären sie auch nicht so weit gekommen. Und umso wichtiger wird daneben dann eigentlich der Charakter und die Persönlichkeit. Was sind die Werte, nach denen diese Menschen entscheiden? Was leitet sie? Was ist deren Purpose? Was ist deren Antrieb? Und mir sind dann bei diesen Eigenschaften besonders wichtig, dass ja der Fokus immer darauf liegt: Wie können wir die Sachen voranbringen? Der Unternehmenszweck steht für uns alle ganz oben und in dessen Kontext agieren wir auch. Und dass es keine Persönlichkeiten sind, die Alleingänger sind, sondern großen Wert auf Team legen und auf Nachfolge, weil: Jeder ist ersetzbar, zumindest beruflich hier. Privat sehe ich das anders, aber beruflich sollte man natürlich wissen: Vor einem gab es Menschen und nach einem wird es auch welche geben. Aber dass diese Führungskräfte großen Wert darauf legen, ihre eigene Nachfolge gut vorzubereiten, sich um ihre Mitarbeiter, Mitarbeiterinnen zu kümmern, zu gucken, dass man ein gut zusammengesetztes Team hat, dass man aus der Vielfalt der Fähigkeiten, die hier da sind, auch Mehrwert schöpft und, ja, aufs Gegenüber wirklich eingeht, dass man gutes Miteinander hat, dass man am Menschen dahinter interessiert ist und dass Führungskräfte die Werte vorleben, die wir als Unternehmen haben oder eben auch als, die wir als Familie als wichtig erachten.

    Rainer Münch: Jetzt ist in der Wirtschaft momentan ein Thema in aller Munde, das ist KI. Sie haben es vorhin auch schon angeschnitten, dass da viele Unternehmen 'ne große Transformation erwarten und dass immer mehr sozusagen Menschen auch wirklich ersetzt werden durch KI oder zumindest ganz anders arbeiten und produktiver arbeiten mit KI. Was sind Ihre Perspektiven? Wie lässt sich sicherstellen, dass eine Werteorientierung von einem Unternehmen mit immer mehr KI-Einsatz nicht verwässert?

    Simone Bagel-Trah: Das ist eine extrem wichtige Frage und das wird auch für alle, würde ich sagen, eine große Aufgabe werden, dass wir einerseits als Unternehmen, aber auch als Privatperson in der Lage sind, KI positiv zu nutzen, weil es ist eine enorme Chance, die wir haben und haben wir alle schon gemerkt, was alles einfacher geht. Es darf aber zeitgleich nicht etwas werden, was man statt einer persönlichen Meinung verwendet. Es darf nicht sein, was man wirklich einfach austauscht oder unbesehen als die neue Wahrheit nimmt. Und da neigt der Mensch vielleicht manchmal aus Bequemlichkeitsgründen schon dazu, zu sagen: „Ja, das steht jetzt so, das nehme ich so.“ Dass es uns gelingt, die nachfolgenden Generationen ja anzulernen, damit A zu arbeiten, weil so wird es sein. Anders geht es gar nicht. Aber B auch immer anleiten, das kritisch zu hinterfragen, was da herauskommt, wirklich inhaltlich zu gucken: Kann das stimmen? Macht das Sinn? Das muss ich noch mal nachprüfen. Wie würde ich es denn auch selbst einordnen? Und wir alle wissen glaube ich, dass KI so gut ist, wie sie auch gefüttert wird und man immer überlegen sollte: Welches System benutze ich? Wer hat das eigentlich womit gefüttert und ist das jetzt die richtige Aussage, die da rauskommt? Insbesondere wenn man auf den Aspekt von Ihnen mit den Werten Wert legt.

    Rainer Münch: Glauben Sie, dass es da ganz unterschiedliche Herangehensweisen geben wird, die sich da entwickeln, wie sozusagen Unternehmen KI auch restriktiv handhaben, Leitplanken irgendwie integrieren und andere vielleicht da völlig ungezügelt draufgehen und dadurch vielleicht dann auch einen Wettbewerbsvorteil haben? Dass es auch 'n Risiko sein kann für ein Unternehmen, da vorsichtig zu sein?

    Simone Bagel-Trah: Es wird wahrscheinlich alles geben, wie so oft. Es gibt welche, die damit offener umgehen oder sorgloser, und andere, die damit restriktiver umgehen, weil sie sich mehr Sorgen machen. Und: Ich glaube, ich bin die Falsche zu beurteilen, wer am Ende die Nase vorn hat. Ich glaube, kurzfristig kann man vielleicht denken, macht das Sinn, sich jetzt nicht zu sehr zu begrenzen, sondern zuzusehen, dass man vorne auf der Welle mitschwimmt. Ich glaube, gleichzeitig hat ein sorgsamer Umgang damit viel Berechtigung, weil das Netz vergisst nie etwas, künstliche Intelligenz wahrscheinlich schon gar nicht. Und alles, was man da je hineingegeben hat, bleibt dann da auch da. Und will man das, will man das wirklich? Das sind Firmendaten, die sensibel sein können. Das sind persönliche Daten, die sicherlich sensibel sind. Und auch wenn es vordergründig nicht nach viel aussieht, was man da preisgibt, glaube ich, dass durch das Zusammenwirken von allen Netzen, die es mittlerweile gibt, über Sie und über mich da schon viel mehr drinsteht, als wir eigentlich wissen. Aber im Firmenkontext muss man natürlich trotzdem sagen, ist es für uns wichtig, Umsatz damit zu machen. Es ist für uns wichtig, all diese Technologien richtig zu nutzen. Ich bin überhaupt nicht dagegen, dass das genutzt wird. Ich glaube nur, der verantwortungsvolle Umgang damit wird einfach extrem wichtig, weil auch das Unternehmen Daten hat, die für die Firma wichtig sind, aber auch, auch personenbezogene Daten richtig handhaben muss.

    Rainer Münch: Jetzt ist KI in aller Munde aktuell. Was nicht mehr in aller Munde ist, ist Nachhaltigkeit. Es gab Fridays for Future, es gab viel Dynamik und auch viele Zielsetzungen der Unternehmen. Das ist alles wieder so ein bisschen verschwunden und hat sich stark abgeschwächt. Jetzt mit den, mit den aktuellen Situationen, was Brände angeht, ist es wieder ein bisschen präsenter, aber vielleicht auch nicht so, wie es mal war. Wie blicken Sie darauf, auf‘s Thema Nachhaltigkeit? Wo stehen wir da und wie geht's weiter?

    Simone Bagel-Trah: Ist für mich ein ganz zentrales Thema. War es schon immer, würde ich sagen, und ist es auch so geblieben und für Henkel zum Glück auch. Ja, es ist richtig, im Moment ist der Fokus etwas abgerückt, was ich sehr bedauerlich finde, weil ich glaube, dass sich das langfristig umkehren wird. Wir können es uns eigentlich gar nicht leisten, den Fokus darauf zu verlieren und wir sollten es auch nicht. Ich bin sehr dankbar, glücklich und fordere es auch regelmäßig ein, dass das Unternehmen in Bezug auf Nachhaltigkeit nicht an Dynamik verliert und die Ambitionen weiterhin hochhält. Das macht Henkel. Wir haben gerade eine neue Nachhaltigkeitsstrategie formuliert, wieder angepasst, die Ziele noch mal fokussierter, prägnanter formuliert. Wir haben uns Fokusfelder ausgesucht, in denen wir agieren möchten und lassen auch in den Ambitionen nicht nach, was ich extrem wichtig finde, weil als Unternehmen hat man eine besonders große Verantwortung, wie jeder von uns als Individuum auch, möchte ich nicht kleinreden. Wenn jeder von uns im Kleinen agiert, dann ist das in Summe unheimlich groß und viel und geht auch schnell und dann braucht man auf manche Regulierung gar nicht zu warten. Aber gleichzeitig haben die großen Unternehmen eine besondere Verantwortung. Und damit, weil sie groß sind, auch eine besondere Chance, Dinge zu verändern und damit direkt einen großen Einfluss auch zu haben, was ich als großen Vorteil empfinde. Sie sehen in mir eine große Verfechterin von Nachhaltigkeit, von Bio-Diversity. Aufgrund meines Studiums und meiner Interessen kann ich wirklich einem Regenwurm unglaublich viel Respekt entgegenbringen, weil ich den einmal aufgeschnitten und einmal seziert habe. Und wenn Sie das machen, dann eröffnet sich ein Universum an Schönheit, weil alles so filigran ist. Und zu realisieren, das existiert alles, finde ich faszinierend. Und das gibt's nur einmal auf unserem schönen Planeten Erde und wir sollten uns sehr gut überlegen, was wir machen, denn das hat alles Einfluss auch auf die Natur. Und die Natur braucht uns nicht, aber wir brauchen die Natur. Wenn man sich anschaut die Biomasse aller Säugetiere, dann sind 60 Prozent der Biomasse durch unsere Nutztiere vertreten, durch Kühe, Schafe, Ziegen. Dann sind es 35, 36 Prozent Säugetiere sind wir selber, die hier wohnen auf dem Planeten, in Biomasse ausgedrückt, und es sind nur 4 bis 5 Prozent Biomasse, die durch Wildtiere vertreten sind. Und daran sieht man schon, dass das ein Verhältnis ist, was vielleicht extrem ist. Und dass es enorm wichtig ist, eben diese Artenvielfalt zu schützen, weil jede Art auf der Erde hier eine biologische Nische ausfüllt und eine Aufgabe hat. Und wenn man an diesem Gleichgewicht etwas verändert, was wir Menschen ständig tun, dann hat man viele andere Sachen mit beeinflusst. Und ich glaube, dafür das Bewusstsein zu haben, ist ganz, ganz wichtig und Bio-Diversity ist relevant. Es ist heute noch schwer zu greifen und alles andere als einfach zu berechnen und zu gucken, welchen Einfluss haben Unternehmen darauf und wie kann man umgekehrt positiv darauf wirken, ist noch in den Anfängen, aber enorm wichtig. Und das ist ja nur eine Facette. Es gibt viele andere: CO2, Kreislaufwirtschaft, unsere Partner, unsere Lieferanten. Da gäbe es sehr viel zu erzählen und das mache ich auch weiterhin und sehr gerne.

    Rainer Münch: Ja, das finde ich auch schön. Da spürt man ganz viel Leidenschaft bei Ihnen, ne? Also ganz viel Begeisterung und auch positive Energie. Und das ist, glaube ich, ja auch der Schlüssel, dass es eine positive Besetzung gibt und nicht eine negative und Restriktionen und Auflagen, sondern wirklich auch, dass es erstrebenswert ist, da was zu tun, und dass es allen letzten Endes hilft. Ist denn in dem Zusammenhang die Internationalität der Familie eine Herausforderung? Weil ich sag mal, die ja zum Teil auf die Welt verteilt sind und da auch unterschiedlich geprägt sind vermutlich, was Nachhaltigkeit angeht. Oder ist man sich da noch sehr einig?

    Simone Bagel-Trah: Also da, da ist meine Wahrnehmung, sind wir uns alle sehr einig, auch vielleicht aus der Tatsache heraus, dass wir ein langfristig denkendes und generationsübergreifendes Unternehmen und auch in der Familie so sind. Ja, je älter und je größer die Familie wird, umso vielfältiger ist sie. Das ist in Bezug auch auf geografische Verteilung so, aber ich empfinde das eher als Vorteil, weil viele Strömungen dadurch sehr persönlich und präsent in Familientreffen und Zusammenkünften vertreten sind. Die heutige Möglichkeit, als junger Mensch zu lernen, zu reisen, mit eigenen Erfahrungen sich so auszustatten, ist ja noch mal ganz anders, als das zu unserer Zeit war. Ich finde das einen großen Vorteil, diese Vielfalt an Eindrücken und auch, auch Input, weil auch die junge Generation ja viel, ja, fragt, aber auch schon mit Ideen und mit möglichen Antworten kommt und das ist ja für die Diskussion immer gut.

    Rainer Münch: Jetzt machen Sie mit Henkel schon viel, was Nachhaltigkeit angeht, was Verpackungsreduktion und Klimaschutz etc betrifft. Zugleich gibt es natürlich auch immer Wettbewerber, kleine Wettbewerber häufig, die noch mal deutlich nachhaltiger sind. Also Anbieter wie jetzt No Planet B in Deutschland und auch viele andere, wo letzten Endes die Aufgabe von Henkel und vom Henkel-Vertrieb natürlich ist, das eigene Produkt zu verkaufen, was dann im direkten Vergleich weniger nachhaltig ist. Ist das eine Limitation Ihrer Größe letzten Endes, dass Sie da halt auch mehr Zeit brauchen, um da hinzukommen, oder wie schauen Sie da drauf?

    Simone Bagel-Trah: Das ist ein, ist ein ganz wesentlicher Punkt und die Antwort darauf ist gar nicht so einfach. Ich habe lange Zeit auch mich sehr stark gemacht und ausgesprochen für, bei uns im Portfolio, für kleinere Marken, die wirklich eine reine, ich sag jetzt mal, Biomarke oder Nachhaltigkeitsmarke waren und auch so ausgelobt waren und mir nur schwer verständlich war, dass wir damit nicht erfolgreich waren und ich viel hinterfragt habe, ob wir es alles so richtig machen. Aber ich auch sehe, dass viele dieser Marken, davon gibt es eine Reihe, aber jede von denen ist ... also manche schaffen es auch länger am Markt zu sein, aber viele sind nach einiger Zeit auch gar nicht mehr da. Und ich auch realisiert habe, dass es für uns als Unternehmen eine große Chance bedeutet, in unseren etablierten Marken Nachhaltigkeit zu integrieren. Denn wenn wir bei Persil nachhaltiger agieren, weil wir andere Rohstoffe einkaufen, weil wir die Formulierung ändern, weil wir Innovationen integrieren, die es ermöglichen, bei noch kälteren Temperaturen noch kürzer zu waschen und Persil ein Produkt ist, was es international oder in anderen Ländern mit anderen Markennamen, aber es ist eins unserer, unserer Flagship-Produkte. Und wenn wir damit nachhaltiger sind, auch wenn es vielleicht nicht als reine grüne Marke etabliert am Markt oder ausgelobt wird, aber wenn wir damit nachhaltiger sind, ist unser Einfluss eigentlich viel größer als den, den wir mit einer reinen kleinen Biomarke haben könnten.

    Rainer Münch: Gibt es in dem Zusammenhang denn eine Entscheidung, die Ihnen einfällt, wo Sie den Eindruck hatten, da muss ich mich jetzt so ein bisschen zwischen Purpose und Profit entscheiden und im Sinne des Unternehmens den Profit wählen?

    Simone Bagel-Trah: Wir haben manche Marken eingestellt. Da haben wir einfach dann keinen Gewinn mit gemacht. Das ist jetzt nicht für Profit, das war vielleicht dann gegen Verlust, aber die Erkenntnis zu haben, wir haben's versucht, wir haben alles Mögliche gemacht, aber es hat nicht zum Erfolg geführt. Wir waren aber auch mit manchen Produkten zu früh am Markt. Da war einfach der Markt noch gar nicht bereit dazu, dass das passiert. Das gehört aber zum Unternehmertum dann, dann auch dazu. Und manchmal stellt man auch fest, man würde gerne noch nachhaltiger agieren, aber es funktioniert noch nicht, weil die Ressourcen nicht da sind. Also wenn, gerade wenn es um Rezyklat geht und man, wir nehmen uns vor, den Anteil an Rezyklat in unseren Verpackungen zu erhöhen, funktioniert das nur, wenn auch dieser Rohstoff verfügbar ist. Und der ist nicht überall in allen Ländern in der notwendigen Qualität und vielleicht auch manchmal in dem nicht akzeptablen Preis verfügbar. Und dann macht man Zugeständnisse. Das ist im Einzelfall dann schade, aber ich muss auch sagen, wir sind alle auf einer Reise. Wir sind auf einer Reise. Wir bemühen uns jedes Jahr, besser zu werden und das werden wir auch. Und manchmal schafft man es nicht, jedes kleine Projekt, sofort von 0 auf 100 zu bringen, aber viele gleichzeitig jedes Jahr ein bisschen besser zu machen, ist in Summe nachher dann schon auch - funktioniert und ist befriedigend.

    Rainer Münch: Würden Sie denn sagen, dass für Henkel dann gilt Profit for Purpose? Dass Sie da eine Entwicklung auch vorantreiben, indem Sie erfolgreich wirtschaften?

    Simone Bagel-Trah: Wir hatten vor dem Interview kurz gesprochen, dieses Profit versus Purpose oder Purpose versus Profit, es muss gar kein Gegenteil, Gegensatz sein. Oft ist es beides, oft geht es Hand in Hand und das sehe ich bei Henkel bei ganz vielen Fragestellungen so. Und richtig ist auch, sehr oft: Man kann sich das mit Purpose dann besonders gut erlauben, wenn man überhaupt Profit hat. Und das, da haben Sie in Ihren vorhergehenden Podcast-Interviews oft Beispiele gehabt, die ich auch sehr, sehr, wirklich gut fand, mich gefreut hab. Die Unternehmen, vieles müssten sie nicht machen und sie machen es trotzdem aus Überzeugung, weil sie sagen, das lohnt sich zu fördern. Da werden Stiftungen gegründet, Wissenschaft wird unterstützt oder Soziales wird unterstützt aus dem Profit heraus, die die Unternehmung eben mit, mit ihrem Geschäftszweck dann auch erwirtschaftet. Und das ist deshalb schön, weil man natürlich auch Mitarbeiter damit noch, noch besser ins Unternehmen binden oder überzeugen kann, weil die mit, aus voller Überzeugung sagen: „Ich finde es schön. Ich bin stolz, dass mein Unternehmen Aktion X oder Y umsetzt und ich dabei bin. Und ich weiß, wenn ich meine Arbeit hier am Schreibtisch oder im Vertrieb oder woanders mache, dann ist es nicht nur für Profit, sondern es ist auch für gute und übergeordnete Themen der Fall.“ Vielleicht ein Beispiel aus unserer Unternehmensgeschichte, die auch diesen Dialog Profit und Purpose beschreibt, war unsere Entscheidung, das Geschäft in Russland aufzugeben, denn das war auch alles andere als einfach, denn wir hatten ein Geschäft vor 30 Jahren dort aufgebaut, etabliert. Es war ein profitables Geschäft, es war ein großes Geschäft. Wir hatten 2.500 Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter vor Ort, mehr als zehn Produktionsstätten, es war wirklich ein großes Business. Und dann zu überlegen: Können wir eigentlich unter den Konstellationen, Russland ist in die Ukraine einmarschiert und hat sie angegriffen, können wir unter der Konstellation das Geschäft weiter fortführen? Wollen wir das? Und diese Diskussion war intensiv, emotional und sachlich und anhand von Kriterien und hat nachher zu der Entscheidung geführt: Wir werden uns trennen. Aber das war eine Entscheidung gegen Profit, aus der Überzeugung heraus: Hier ist es uns wichtiger, nach unseren Werten entsprechend zu agieren, uns hinstellen zu können und zu sagen, wir haben diese Entscheidung getroffen, weil wir der Überzeugung sind zu dem Zeitpunkt damals, wir können und sollten nicht mit diesem Geschäft in Russland weiter fortführen und, weil das Land nicht so agiert, weil die Regierung, muss man sagen, nicht so agiert, wie wir das uns vorstellen und wie wir mit gutem Gewissen dort weiter agieren können.

    Rainer Münch: War das damals so, dass Sie sofort realisiert haben, welche Tragweite das haben würde, auch für das Unternehmen? Oder hat sich das erst über den Prozess und die Auseinandersetzung und die Reflektion dargestellt?

    Simone Bagel-Trah: Das war sicherlich ein Prozess, der über einige Wochen ging. Es war am Ende nicht sehr lang, aber es braucht auch etwas Zeit, um zu prüfen: Was haben wir da und was bedeutet auch ein Exit und wie können wir den überhaupt umsetzen? Weil sich von einem ganzen Land zu trennen, das zu entscheiden, ist das eine, es umzusetzen, ist das andere, weil ja plötzlich auch viele Restriktionen gegolten haben und viele Firmen ihre Unternehmungen dort eingestellt haben. Alleine das Land von der IT abzuschneiden, wo auch Henkel Russland mit SAP gearbeitet hat, aber SAP in Russland nicht mehr agiert, muss man trotzdem gewährleisten, dass der Unternehmensteil dort fortgeführt werden kann mit anderen IT-Lösungen. Das ist nur ein Beispiel. Es musste sehr gut geplant werden, damit es überhaupt funktioniert. Wir hatten aber eine Kriterienliste, anhand der wir immer uns in der Diskussion entlang gearbeitet haben, die sehr sachlich orientiert war, um zu gewährleisten, dass wir jetzt keine kurzfristige, nur emotional getriebene Entscheidung treffen, sondern dass wir das sehr gut unterlegen können mit den für uns relevanten Argumenten.

    Rainer Münch: Ich denke, zum Abschluss wird es noch mal ein bisschen leichter, wenn wir jetzt aus dieser Russland-Thematik kommen. Ich hatte Sie, wie all meine Gäste gebeten, sich eine Frage aus Max-Frisch‘ Fragebogen auszusuchen und Sie hatten: „Haben Sie Humor, wenn Sie alleine sind?“ ausgewählt. Wie kamen Sie auf diese Frage und was ist Ihre Antwort darauf?

    Simone Bagel-Trah: Ich hätte mehrere Fragen nehmen können. Ich hatte nachher zwei in die nähere Auswahl genommen und die eine wäre „Ist Natur Ihr Freund?“ Aber da dachte ich, kann ich auch schon an anderer Stelle in dem Podcast beitragen. Insofern fand ich das mit dem Humor schön, weil ich glaube, dass das enorm wichtig ist. Dass Humor im Leben eine wichtige Rolle hat und vielleicht gerade dann, wenn man auch mal alleine ist. Denn ich finde es so wichtig, sich selbst nicht zu wichtig zu nehmen, sich nicht zu ernst zu nehmen und das, was man macht oder einem widerfährt, auch so sehen zu können. Und ich glaube, jeder von uns hat Gelegenheiten im Kopf, da widerfährt einem ein Missgeschick. Also das Toastbrot fällt auf die falsche Seite, man kippt die Tasse um und alles ist nass. Dann denke ich immer: Komm, das sind die kleinen Widrigkeiten des Alltags, die der so für dich parat hat. Ist nicht weiter schlimm. Und wenn's Dinge sind, die von außen vielleicht kommen, wo man wirklich manchmal gar nichts dafür kann und man ist dann wirklich misslich schlecht gelaunt oder irgendwas, dann denke ich oft: Komm, jetzt stell Dir mal vor, es wäre nicht Du, der betroffen ist. Stell Dir vor, dieselbe Situation guckst Du Dir im Fernsehen an, eine Familienkomödie oder so. Du würdest herzlich lachen über die Situation. Und das hilft mir dann, einfach Abstand zu gewinnen und zu sagen: Ja, im Moment fühlt sich's nicht gut an, aber ehrlich gesagt, es ist nicht so wichtig, es ist nicht so schlimm. Ein Jahr von heute nach hinten betrachtet, hast Du es längst vergessen, und aus dem Weltall sind wir alle sowieso nicht so relevant. Ja, also bisschen Humor dabei zu haben, hilft, hilft immer.

    Rainer Münch: Kommt es vor, dass Sie alleine laut lachen oder ist es eher leise?

    Simone Bagel-Trah: Nö, ich kann auch laut lachen.

    Rainer Münch: Na, das finde ich schön. Und wie Sie sagen, würde ich auch so sehen, dass da ganz viel drinsteckt an Haltung, an Perspektive auf einen selbst, auf die Umgebung. Und ich kann mir vorstellen, dass gerade auch in Ihrer Rolle wahnsinnig wichtig ist, da sich nicht selbst zu wichtig zu nehmen und im Vordergrund zu sehen, sondern auch ein bisschen drauf zu schauen…

    Simone Bagel-Trah: … aber noch, noch, noch schöner als alleine zu lachen, ist natürlich, in Gesellschaft zu lachen. Was gibt es Schöneres als einen humorvollen Abend, eine tolle Unterhaltung oder auch manchmal ein Kabarett, wo man einfach anderthalb Stunden nonstop lachen kann? Das fühlt sich einfach extrem gut an.

    Rainer Münch: Ja. Das stimmt natürlich. Dann jetzt zu meiner Abschlussfrage. Gibt es denn ein persönliches Henkel-Lieblingsprodukt, was Sie haben?

    Simone Bagel-Trah: Ja, da habe ich natürlich mehrere, und die ziehen sich so durch den Alltag. Das sind dann meistens Konsumentenprodukte. Ich wasche total gerne mit all den Perwoll-Optionen für Sport, für Farbiges, für Schwarzes, für Weißes. Meine langen Haare freuen sich über die Gliss-Anti-Spliss-Kur und besonders gerne kleben tue ich mit dem Pritt-Stift. Wir haben dasselbe Geburtsjahr. Aber neben diesen so greifbaren Lieblingsprodukten gibt es bei uns in den Industrieanwendungen halt auch unglaublich viele spannende Geschichten zu erzählen. Gut die Hälfte unseres Geschäftes sind Industrieklebstoffe, dichten und Beschichtungen, die sich sehr trocken anhören, aber die total spannend sind. Wenn Sie wüssten, wo Sie heute schon überall in Kontakt gekommen sind mit unseren Klebelösungen. Das fängt an, weil wenn man die Kühlschranktür aufmacht, in Milchprodukten, in flexiblen Verpackungen, die man verwendet, wahrscheinlich in Ihren Sneakern, ganz bestimmt in Ihrem Smartphone, in Ihrem Tablet. Sie sind mit dem Fahrzeug und Flugzeug angereist. Überall sind Henkel-Klebstoffe drin. Und wenn man so eine rote Linie durchziehen würde durch alles, dann würden Sie viele rote Linien sehen. Und besonders begeistern kann ich mich im Moment für unsere Lösung, die wir in Infrastrukturthemen anwenden, wenn es darum geht, Windenergie zu erzeugen oder Pipelines für Gas, für Wasser und Ähnliches instand zu halten, dann bietet Henkel da tolle Möglichkeiten, denn es geht ja nicht nur darum, ein neues Windrad aufzustellen, sondern insbesondere die, die wir haben, auch langfristig am Laufen zu halten und zu reparieren, wo es was zu reparieren gibt. Und das Gleiche gilt für Pipelines, die ansonsten ein Loch haben oder stillgelegt werden. Und da bietet Henkel wirklich tolle Möglichkeiten.

    Rainer Münch: Ich denke, diese Produktbegeisterung ist ein schöner Abschluss, liebe Frau Bagel-Trah. Ich danke Ihnen ganz herzlich für das schöne Gespräch.

    Simone Bagel-Trah: Vielen herzlichen Dank, Herr Münch. Es hat Spaß gemacht.

    [Das Gespräch wurde aufgezeichnet am 29. Juli 2026.]

    Dr. Simone Bagel-Trah ist Vorsitzende des Aufsichtsrats und des Gesellschafterausschusses von Henkel. In dieser Rolle vertritt sie die Interessen von rund 130 Familienmitgliedern und trägt zugleich Verantwortung für die langfristige Entwicklung des Unternehmens.

    In der aktuellen Folge spricht sie darüber, warum für sie „Firma vor Familie“ gilt – und weshalb dieser Satz nicht gegen die Familie gerichtet ist, sondern für nachhaltige Entscheidungen im Sinne des Unternehmens, seiner Mitarbeitenden, Partner und Eigentümer steht.

    Im Gespräch geht es außerdem um Familien-Governance, die Verbindung von Tradition und Veränderung sowie die Auswahl werteorientierter Führungskräfte. Weitere Themen sind der verantwortungsvolle Einsatz von Künstlicher Intelligenz, Nachhaltigkeit und Biodiversität.

    Sehr konkret wird das Spannungsfeld zwischen Purpose und Profit beim Rückzug von Henkel aus Russland: eine wirtschaftlich schmerzhafte Entscheidung, die aus Überzeugung getroffen wurde.

    Besonders persönlich wird es, als Simone Bagel-Trah ihren Wertegegenstand vorstellt: eine kleine Silberschale mit Familienfotos, Botschaften und wechselnden Gedanken – ein lebender Gegenstand zwischen Wurzeln, Gegenwart und Zukunft.

    Das Gespräch wurde aufgezeichnet am 29. Juli 2026.

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    “Ich bin neugierig, ich lerne gern, ich hinterfrage viel und entwickle mich gerne weiter“

    „Richtung Firma haben wir den schönen Satz ‚Firma vor Familie‘, weil wir der Meinung sind, es ist ganz vorrangig, prioritär wichtig, dass es dem Unternehmen gut geht“

    „Ich bin Ideensammler, würde ich sagen“

    „…eine Liebeserklärung von meiner Schwester, eine Postkarte, weil ich, wie ich schon sagte, zuverlässig und auch diszipliniert bin, die sie mir geschickt hat zum Geburtstag mit einem gelben Schmetterling abgebildet, auf dem steht: Was Du heute kannst besorgen, das ... Oh, ein Zitronenfalter“

    Rainer Münch: Willkommen bei Purpose versus Profit. Ich bin Rainer Münch und ich unterhalte mich hier mit meinen Gästen über die Werteorientierung im Geschäftsleben. Für die heutige Folge bin ich im Büro von Dr. Simone Bagel-Trah am Henkel-Hauptsitz in Düsseldorf zu Gast. Hier sprechen wir über ihre Verantwortung an der Schnittstelle zwischen einem globalen DAX-Konzern und einer Eigentümerfamilie mit rund 130 Mitgliedern. Wir sprechen darüber, wie Zusammenhalt über fünf Generationen gelingt, warum der Grundsatz „Firma vor Familie“ gilt und welche Elemente für den Erfolg unverzichtbar sind. Es geht um werteorientierte Führung in Zeiten von KI, um Nachhaltigkeit und darum, wie wir uns ein „Universum an Schönheit“ erhalten können. Und es geht um Entscheidungen, bei denen Haltung konkret etwas kostet. Besonders persönlich wird das Gespräch bei ihrem „lebenden“ Wertegegenstand: einer kleinen Silberschale mit wechselnden Fotos und Gedanken. Und nun viel Spaß mit der heutigen Folge.

    Dr. Simone Bagel-Trah studierte Biologie, promovierte und gründete ein Unternehmen für klinisch-mikrobiologische Forschung und Kommunikation. Als Ururenkelin des Henkel-Gründers Fritz Henkel ist sie seit 2009 Vorsitzende des Aufsichtsrats und des Gesellschafterausschusses von Henkel. Zudem engagiert sie sich unter anderem für Wissenschaft und naturwissenschaftliche Bildung. Sie ist verheiratet und Mutter von zwei Kindern. Liebe Frau Dr. Bagel-Trah, herzlich willkommen bei Purpose versus Profit.

    Simone Bagel-Trah: Vielen Dank für die Einführung, Herr Münch.

    Rainer Münch: Ich möchte starten ganz am Beginn ihres Werdegangs. Sie sind nach der Scheidung Ihrer Eltern bei Ihrer Mutter groß geworden und hatten damit zunächst eine große Distanz zum Unternehmen. Sie haben mal gesagt, es sei ein herrliches, anonymes Großwerden gewesen, was Sie im Nachhinein als großes Geschenk empfunden haben. Was würden Sie dann im weiteren Werdegang als die entscheidenden Weichenstellungen bezeichnen, die Sie in Ihre heutige Rolle und Verantwortung gebracht haben?

    Simone Bagel-Trah: Also für mich ist tatsächlich die Grundschule eine Weichenstellung gewesen, Montessori-Grundschule mit einer tollen Lehrerin und dem Konzept „Hilf mir es selbst zu tun". Ich glaube, das war ein, schon ein sehr guter Start. Eine weitere Weichenstellung war sicherlich das Biologiestudium. Mich faszinieren bis heute Lebenswissenschaften, die Natur, Organismen, und das hat eine Richtung vorgegeben. Und am Ende auch eine Weiche gestellt, warum ich überhaupt Mitglied im Cognis-Aufsichtsrat werden konnte, weil mit der Biologie dann eben auch Mikrobiologie, bisschen Biochemie, verbunden war. Sicherlich das Thema Selbstständigkeit: Also, ich wollte gerne selbstständig sein, eine kleine Firma gründen, und hab da unheimlich viel Erfahrung gesammelt, was mir auch viel Unabhängigkeit gegeben hat. Das war so mein erster Entwurf meines Lebensweges, was ich werden wollte. Sicherlich auch eine gute Weichenstellung ist einfach mein kleiner Familien-, mein eigener Familienkontext. Ich bin, Sie haben es gesagt, nach der Scheidung der Eltern bei der Mutter groß geworden. Wir sind aber eine tolle Patchwork-Familie, und schon in frühen Jahren lernen zu können, wie es funktioniert, in und mit 'ner größeren Familie mit unterschiedlichen Meinungen dennoch zusammenzuhalten, ist sicherlich eine ganz wertvolle Erfahrung. Und schlussendlich meine Eigenschaft: Ich bin neugierig, ich lerne gern, ich hinterfrage viel und entwickle mich gerne weiter, hat sicherlich auch dazu beigetragen.

    Rainer Münch: Jetzt gibt’s vermutlich wenige Rollen in Deutschland, die mit Ihrer zu vergleichen sind. Sie sind an der Schnittstelle zwischen einem internationalen DAX-Konzern und einer inzwischen recht weit verzweigten Familie mit 130 Mitgliedern, auch international. Wie haben Sie sich darauf vorbereitet und was würden Sie sagen, waren so Ihre größten persönlichen Weiterentwicklungsschritte seit Ihrem Amtsantritt vor 17 Jahren?

    Simone Bagel-Trah: Also das war natürlich, wenn man's 2009 betrachtet, die Übernahme der Verantwortung Vorsitz Gesellschafterausschuss, Aufsichtsrat und Sprecherin der Familie, war wirklich eine große Aufgabe, auf die ich mich auch sehr ernsthaft vorbereitet habe, denn das ist nach wie vor etwas, vor dem ich großen Respekt hab. Ich hatte die große Chance und das große Glück, dass mein Vorgänger im Amt, Albrecht Woeste, sich auch viel Zeit genommen hat, mich zu informieren, mich mitzunehmen zu seinen Terminen. Er hat seinen Posteingang mit mir geteilt, sodass ich nach der Vorbereitungszeit im ersten Jahr im Amt keine echte Überraschung erlebt habe, sondern alles schon mal vorher gesehen oder vorher mit ihm durchdacht und besprochen habe. Das war wirklich sehr, sehr wertvoll. Seitdem gibt es viele Themen, viele Herausforderungen und genug Gelegenheiten, um zu lernen – für mich extrem wichtig und das hört auch nicht auf. Und wenn man, Sie mich fragen: „Wie habe ich mich vorbereitet?", dann ist das: einerseits viele Themen, die ich mir selber gesetzt habe, wo ich auch gemerkt habe, da muss ich noch etwas nachholen. Da habe ich einen gewissen Grundkenntnisstand, aber nicht den, den ich brauche, um das Amt auch verantwortungsvoll auszuführen. Und in anderen Bereichen fühlte ich mich schon ganz gut ausgerüstet. Und daraus die richtige Mischung und Balance zu finden, ist für einen Zeitpunkt immer möglich, aber man bleibt ja nicht stehen. Da verändert sich das Umfeld, die Anforderungen und insofern bin ich weiterhin ständig lernend.

    Rainer Münch: Fühlt sich die Rolle denn heute für Sie grundlegend anders an als vor 10 oder 15 Jahren?

    Simone Bagel-Trah: Also ich würde sagen, es gibt Themen und Aspekte, die sind gleichgeblieben, und manche haben sich auch verändert. Gleich geblieben ist sicherlich der Respekt vor der Aufgabe, aber auch die Freude an der Aufgabe. Es ist eine große Verantwortung, aber auch eine herrliche Vielfalt an Themen, an tollen Gesprächspersonen und -partnern. Das ist wirklich toll und das ist genauso geblieben. Geblieben ist auch die langfristige Verantwortung, dieses generationsübergreifende Denken. Das hat sich auch nicht verändert. Das ist auch eine ganz wichtige Säule. Verändert haben sich, hat sich die Rolle insofern, als dass, ich würde sagen, die Anforderungen größer geworden sind. Was ein Aufsichtsrat heute erbringen muss, die Regularien, die Corporate Governance, die Erwartungshaltung, die Zeit, die man investieren muss in vieles, hat zugenommen. Die Tiefe der Themen, die Breite der Themen und auch die Geschwindigkeit. Die Welt dreht sich schneller, angesichts geopolitischer Themen, Digitalisierung, KI überall, Zölle, die erhoben werden, die morgen wieder wegfallen. Also diese Themen, die Amplitude der Ausschläge, die Frequenzvolatilität ist wirklich deutlich erhöht. Kommunikation war immer wichtig, früher auch schon, aber verändert hat sich meiner Meinung nach auch die Erwartungshaltung, was und wie kommuniziert wird, wie transparent alles sein soll, die Erwartungshaltung an Führungspersönlichkeiten, sichtbar zu sein, präsent zu sein, eine Haltung zu haben. Das hat in meinen Augen auch, hat sich auch verändert.

    Rainer Münch: Sehen Sie das als Vorteil, dass da mehr Nähe, mehr Transparenz ist, dass ein Unternehmen wie Henkel die Werte heute anders transportieren kann?

    Simone Bagel-Trah: Also das hat auch für mich zwei Seiten. Eins ist tatsächlich, ich finde es schön, dass es heute anders ist als früher. Es ist viel offener. Es ist viel unkomplizierter. Kommunikation geht leichter. Das finde ich, finde ich sehr vorteilhaft. Das geht bei uns bei Henkel einher mit einer Cultural Journey, die wir auch die letzten Jahre gemacht haben, wo das Thema Leadership sich verändert hat, die Kommunikation unter unseren Mitarbeitern/Mitarbeiterinnen. Das hat sich positiv verändert, weil Hierarchien abgebaut worden sind, weil die Fähigkeit und „willingness to give and receive feedback“ heute eine ganz andere ist. Das ist, finde ich alles von Vorteil. Und das bringt die Chance mit, auch Werte sichtbarer zu machen, öfter Gelegenheit zu haben, über Werte zu sprechen und im Austausch zu sein. Das finde ich sehr gut. Manchmal kritisch finde ich die Idee, alles transparent zu machen. Ich glaube nicht, dass das überall von Vorteil ist. Ich finde, in Sachen Politik wäre es oft besser, die Verantwortlichen würden sich in Ruhe Gedanken machen und zusammen eine Lösung erarbeiten und mit einem Ergebnis kommen, als zwischendurch viele Wasserstandsmeldungen transparent zu kommunizieren. Davon hat in meinen Augen oftmals weder diese Gruppe noch die Gesellschaft etwas. Da finde ich es in Ordnung, wenn man ab und zu mal sagt: „Wir kommen damit, wenn es gar ist, aber zwischendurch braucht es eigentlich noch keiner mitzudiskutieren."

    Rainer Münch: Jetzt spricht das Unternehmen Henkel von fünf Werten, die Handeln, Entscheidungen und Verhalten prägen. Dabei geht's verkürzt um Kundinnen, Mitarbeitende, wirtschaftlichen Erfolg, Nachhaltigkeit und die Tradition als Familienunternehmen. Sind diese Unternehmenswerte zugleich auch die Familienwerte oder würden Sie da grundlegend unterscheiden?

    Simone Bagel-Trah: Vielleicht kurz zur Entstehung dieser Werte: Das war schon eine gemeinsame Diskussion, natürlich vom Management angestoßen. Was sind richtige Werte für das Unternehmen? Aber sehr wohl gemeinschaftlich auch mit dem Gesellschafterausschuss diskutiert und auch bei einer Veranstaltung mit Familienmitgliedern präsentiert und diskutiert. Insofern gibt es da schon ein Alignment darüber, dass wir die gut finden. Sind das exakt die gleichen Werte, die wir als Familie auch hätten? Nein. Wir sind kein Unternehmen. Wir sind eine Familie. Und für uns gibt's Themen, die wir als extrem wichtig erachten, in Richtung Firma, aber auch in Richtung unseres eigenen Familienlebens. Richtung Firma haben wir den schönen Satz „Firma vor Familie", weil wir der Meinung sind, es ist ganz vorrangig, prioritär wichtig, dass es dem Unternehmen gut geht, dass Entscheidungen getroffen werden im Unternehmenszweck und -sinne. Und wenn's der Firma gut geht, geht's auch den Mitarbeitern gut und den Lieferanten und am Ende auch den Shareholdern. Als Familie ist für uns wichtig, dass wir dieses langfristige, generationsübergreifende Denken haben, dass wir eine hohe Identifizierung mit uns selbst, Familienzusammenhalt, da sehen wir einen Mehrwert drin, eine große Familie zu sein. Wir haben so viele unterschiedliche Berufsbilder, unterschiedliche Persönlichkeiten. Wir leben in verschiedenen Ländern. Das ist eine herrliche Vielfalt, aus der wir viel Energie ziehen und die wir sehr positiv sehen.

    Rainer Münch: Im Kontext Werte und Transparenz: Und wir befinden uns ja im Jahr, in dem Henkel 150 werden wird am 26. September, und anlässlich dieses Jubiläums gibt's ein Buch von Professor Joachim Scholtyseck mit dem Titel „Henkel – Vom Waschmittelhersteller zum Weltunternehmen". Ist ein richtiger Schmöker geworden, fast 900 Seiten. Da wird die Geschichte des Unternehmens, auch der Familie aufgearbeitet, eingeordnet, insbesondere auch die NS-Zeit, was aus meiner Sicht noch mal die Konsequenz der Wertehaltung von Henkel unterstreicht. Gab's denn für Sie persönlich auch neue Erkenntnisse aus dieser Forschung, aus diesem Buch über die Familie, über das Unternehmen?

    Simone Bagel-Trah: Also zum Ersten fand ich es gut, dass wir das Projekt angegangen sind. Es hat mehrere Jahre in Anspruch genommen, die die Forschungen von Herrn Professor Scholtyseck da angedauert haben, aber es ist mit den vielen Seiten, die Sie genannt haben, auch ein wirklich gutes Werk dabei herausgekommen. Ich hab das gelesen. Ich finde, es ist umfassend, aber es ist auch - es steht wirklich viel drin und es sind ganz viele Dinge, die ich vorher nicht wusste, die in dem Buch enthalten sind. Sehr schön fand ich einfach noch mal zu realisieren, dass es nicht eine Geschichte ist von einigen Persönlichkeiten, die das 150 Jahre geschaffen haben, was hier heute steht, sondern dass es wirklich ein Netz aus Menschen, aus Ideen, aus Zusammenwirken über die Jahrzehnte, über die Generationen. Und dieses Netz, das Geflecht sind, ja, Familienmitglieder, meine Vorfahren, da bin ich auch sehr stolz, aber natürlich auf der Firmenseite unendlich viele Führungskräfte, die daran mitgeholfen haben, dass Henkel am Ende so groß geworden ist, wie es heute ist. Interessant zu lesen, die NS-Zeit. Gut, dass wir das aufgearbeitet haben. Es gab jetzt keine Überraschungen, aber doch mehr, deutlich mehr Informationen, was ich sehr gut fand. Gerne gelesen habe ich die vielen Kapitel am Ende, wo es um übergreifende Entwicklung in einzelnen Ländern oder Regionen geht. Da noch mal nachzulesen, wie unternehmerisch wir damals gewesen sind im Erobern von einem Land, in dem noch vorher keine Aktivität war und wie man dann eigentlich dahin gelangt, dass man da auch, ja, mit Business präsent ist.

    Rainer Münch: Ich denke, es ist auch beeindruckend per se, dass es eben 150 Jahre sind, die da beschrieben werden. Und es gibt international kaum ein Beispiel von einem Unternehmen, von einem Familienunternehmen, dem es gelingt, über so viele Generationen auch so eine ausgeprägte Werteorientierung und Geschlossenheit zu erreichen. Was ist denn das Erfolgsgeheimnis aus Ihrer Sicht?

    Simone Bagel-Trah: Ja, da gibt's wahrscheinlich mehrere und so geheim sind sie auch nicht. Ich würde denken, als Erfolgsfaktoren ist zum einen zu nennen, diese Familie selbst. Also eine solche Einheit zu haben, ist ein großes Geschenk. Es gibt ja auch viele andere Beispiele, bei denen es nicht so gut gelingt. Und ich würde als erstes mal sagen, ein großes Dankeschön an alle Familienaktionäre, an alle Familienmitglieder, die sich hinter dieses Unternehmen scharen und stellen und sagen: „Dafür bilden wir eine Einheit. Unser größtes Gut ist unsere Einigkeit. Und wir haben keine Individuen, die ausscheren oder sich selbst verwirklichen auf Kosten von, sondern alle nehmen das Unternehmen und unsere Gemeinschaft als das höhere, größere Gut." Viel, glaube ich, ist tatsächlich Erziehung, Vorleben und zeigen, was wir für uns als wichtig erachten. Was sind unsere Werte und wie leben wir sie auch? Und das ist einerseits, ja, kann man das aufschreiben, aber andererseits – Sie haben erzählt, Sie haben fünf Kinder – sehen ja alle insbesondere Kinder eher, was die Eltern machen, als das, was sie so sagen. Und deshalb, glaube ich, ist eben auch wichtig, dass alle in der Familie auch sehen, wie wir als Familie agieren und die nachfolgenden Generationen auch in diesem Kontext so groß werden. Wichtig finde ich als weiteres Erfolgskriterium, dass beides möglich ist: Dass man einerseits eine 150-jährige Geschichte hat, aus der Geschichte lernt, dass wir uns über Wurzeln bewusst sind und Tradition, und gleichzeitig die Fähigkeit haben, auch Dinge infrage zu stellen, sich weiterzuentwickeln, sich über Veränderungen als Möglichkeit, manchmal auch Notwendigkeit, sich darüber zu freuen und zu sagen: „Ja, jetzt geht es weiter, jetzt geht es anders, aber was kann ich Gutes daran finden?" Nicht, nicht zu mäkeln: „Früher war alles besser", sondern zu schauen, wo eben auch Chancen und Optionen liegen. Und ich habe mal das Bild eines Baumes verwendet, weil ich glaube, das funktioniert ganz gut und weil ich auch mit meinem Background aus Naturwissenschaften auch gerne Vergleiche suche in die Richtung. Und so, glaube ich, ist ein Baum ein ganz gutes Symbol dafür, weil der mit seinem starken Stamm steht und der hat Wurzeln in der Erde und zieht daraus viel Kraft. Und jedes Jahr fängt er an, wieder Blätter zu bilden und neu auszuschlagen. Hier kommt ein Zweig mehr und ein Ast dazu. Und die Blätter sind jedes Mal vielleicht neue Ideen, können entweder Unternehmensprodukte sein, können Familienideen sein, wie sich so ein Unternehmen über viele Generationen weiterentwickelt. Am Ende des Jahres fallen Blätter runter, aber die sind der Nährstoff für das, was in der nächsten Wachstumsperiode entsteht. Und so ist all das, was schon mal da gewesen ist an Ideen, natürlich auch wieder Nahrung für Zukünftiges. Und da der Baum meistens nicht alleine steht, sondern auch andere drumherum, kriegt man natürlich auch Nährstoff und Ideen von dem, was außen rum ist und verarbeitet das. Und diese Kontinuität, glaube ich, ist ein ganz, ganz gutes Bild dafür, dass es immer irgendwie weitergeht.

    Zu der Frage, warum ist es uns gelungen, über so viele Jahrzehnte hinweg zusammenzubleiben, ist eine Antwort: unsere Governance. Wir haben eine ganz klare Governance, eine sehr klare Rollenverteilung: Wer ist wofür zuständig? Und das ist auch hilfreich und nötig, um auf der Familienseite einer professionell organisierten Firma auf der anderen Seite gegenüberzustehen. Und Henkel war mal ein 100 Prozent Familienunternehmen, in dem Führungspositionen durch Familienmitglieder eingenommen worden sind. Konrad Henkel war das letzte Familienmitglied, was als CEO auch agiert hat, und danach haben wir das Ownership und Management voneinander getrennt. Und gerade seitdem ist es besonders wichtig, klar zu definieren: Wer hat welche Aufgaben? Was macht das Management? Was macht unser Gesellschafterausschuss als wichtiges Überwachungs-, Weisungs-, Mitdiskutierungs- und Entscheidungsorgan? Und diese Governance, die wir haben, glaube ich, ist sehr gut aufgesetzt. Die existiert sehr lange. Da haben wir kaum Nachjustierungsbedarf gehabt, weil wir als Familie Mitglied im Gesellschafterausschuss sind und im Aufsichtsrat, aber nie alleine, sondern immer gesagt haben, es ist für uns wichtig, professionelle externe Expertise am Tisch zu haben durch Personen, die aus Industriezweigen kommen, die für Henkel relevant sind, die Erfahrungen an den Tisch bringen, die unsere ergänzen. Und das, denke ich, ist für uns als Erfolgsbestandteil auch ein wichtiger Aspekt.

    Rainer Münch: Jetzt haben wir über die Werte vom Unternehmen gesprochen, ein bisschen über die Familie. Wie ist das denn bei Ihnen persönlich? Was würden Sie als Ihre persönlichen Werte beschreiben?

    Simone Bagel-Trah: Ich bin sehr zuverlässig. Ich bin sehr integer. Für mich ist das als Mensch wichtig, aber ich glaube auch in der, in den Rollen, die ich im Unternehmen oder auch in der Familie habe, sind das Eigenschaften, die wichtig sind, die mir auch entgegenkommen und ich das umgekehrt auch mir wünsche vom Gegenüber, dass ich mich da genauso drauf verlassen kann, dass wenn man Dinge bespricht, dass die, wenn man das sagt, im Raum bleiben, sonst natürlich nicht zwingend. Das finde ich ganz wichtige Eigenschaften. Ich finde dieses neugierig sein, offen sein, tolerant sein, Weltoffenheit ist für mich auch ein ganz wichtiger Wert. Und damit einhergehend auch persönliche Weiterentwicklung. Immer noch mal zu gucken: Wie war der Tag heute? Was hätte ich vielleicht besser machen können? Make everyday an opportunity. Wirklich zu gucken: Wo kann ich mich eigentlich sinnvoll einbringen, um das, was mir mitgegeben ist, auch einzusetzen für andere? Und vielleicht da zu gestalten, wo es, wo es einem wichtig ist.

    Rainer Münch: Jetzt hatte ich Sie gebeten, wie all meine Gäste, einen Wertegegenstand mitzubringen, einen Gegenstand, der Ihnen was bedeutet. Was ich hier vor mir sehe, ist eine, ja, so 'ne Art Silberschale, wie so 'ne flache Badewanne, handtellergroß, mit verschiedenen, mit, glaub ich, fünf Füßen insgesamt und auch mit Verzierungen am Rand und dann verschiedene Fächer, wo man etwas reinstellen kann. Und Sie haben das befüllt mit verschiedenen Fotos und Postkarten und auch Ausschnitten aus, ich weiß nicht, ob's ein Kalender ist, aber jedenfalls mit sozusagen einem Spruch drauf. Was hat es mit dem Gegenstand auf sich und was bedeutet er Ihnen?

    Simone Bagel-Trah: Ja, das ist tatsächlich ein, ähm, aus dem Haushalt meiner Großmutter ein kleines Schälchen, in dem vielleicht Servietten oder, oder etwas Ähnliches, auch gelagert wurden. Das steht bei mir zu Hause auf dem Schreibtisch und es ist, wie wir festgestellt haben, auch schon recht angelaufen. Aber es ist für mich ein Gegenstand, der, in ständiger, ja nicht nur Beobachtung ist, weil es mir gegenübersteht, aber auch in Bearbeitung. Er beinhaltet Fotos von meiner Familie. Das ist 'n Foto meiner Eltern oder Geschwister, Kinder, Großeltern, Erinnerungsstücke, weil ich viel schon auch aus meiner Familie ziehe, aus Tradition ziehe, Wurzeln, was mir mitgegeben wurde, was ich als wertvoll erachte, mein, quasi mein Fundament, auf dem ich stehe. Da gibt's einige Belegstücke sozusagen und die wechseln auch ihren Platz. Dann ist mal ein Foto vorne und dann ist eben auch mal ein anderes Foto vorne und da sind auch unterschiedliche Formate, sodass man selbst, wenn was dahinter steht, oft noch sehen kann, was es ist. Es sind kleine Zettel, die ... oder Gebasteltes, da ist was Gebasteltes, was meine Schwester und ich für unsere Mutter gebastelt haben. Das ist also schon sehr alt und so sieht es auch aus. Aber da sind auch Zettel von meinen Kindern, die mir was zum Muttertag schreiben, eine Liebeserklärung von meiner Schwester, eine Postkarte, weil ich, wie ich schon sagte, zuverlässig und auch diszipliniert bin, die sie mir geschickt hat zum Geburtstag mit einem gelben Schmetterling abgebildet, auf dem steht: „Was Du heute kannst besorgen, das ... Oh, ein Zitronenfalter.“ Dass man eben, dass ich's auch manchmal schaffe, die Dinge, die Dinge sein zu lassen und mich den schönen Elementen oder auch Abwechslungen des Lebens zu widmen. Es sind Kalenderblätter dabei mit Sprüchen, die ich wichtig finde, weil sie grade meine momentane Verfassung widerspiegeln oder mich inspirieren und motivieren, das eine oder andere anders zu machen. Also neben dem Wert Tradition und Wurzeln einerseits eben auch versinnbildlicht Zukunft, Veränderung, was und wie möchte ich vielleicht die Welt sehen? Was ist aus meiner Warte heute relevant? Und das, wie gesagt, wechselt dann so ein bisschen den Platz und die Sichtbarkeit. Manches fällt raus aus dem Sammelsurium und manches kommt hinein. Also ein lebender Wertegegenstand, wenn Sie so wollen.

    Rainer Münch: Das finde ich auch so schön und das differenziert Sie auch von allen bisherigen Gästen tatsächlich. Also die bisherigen Gegenstände waren immer stabil in ihrer Zusammenstellung und ich finde das irgendwie auch bezeichnend, dass Sie was haben, was sich eben auch kontinuierlich verändert, wo Sie Prioritäten anders setzen und eben auch unterschiedliche Impulse setzen und dafür offen sind und dass da so 'n, so 'n Dialog fast stattfindet, mit dem, was Sie so aufschnappen und…

    Simone Bagel-Trah: …ja. Alles ist schwer, bevor es leicht ist. Ist ein Spruch. Das, ja, also so, es sind eben verschiedene Themen darin und manch einer hat vielleicht auch zu Hause 'ne Pinnwand und das ist, ist ja, ist was Ähnliches und das finde ich immer ganz schön, was, dass man das ein bisschen verändern kann.

    Rainer Münch: Kommt's Ihnen manchmal vor, dass Ihr Blick hängen bleibt und Sie 'n Impuls dann irgendwie da auch draus ziehen?

    Simone Bagel-Trah: Ja, ja, das… Tatsächlich. Das sind jetzt ja nur drei Kalenderblätter. Ich habe mehrere aufgehoben. Ich bin ein Mensch, der für, für…: Ich bin Ideensammler, würde ich sagen. Ich habe ganz viele Gedanken im Kopf, die finden sich dann auf Zetteln wieder oder auf andere Art und Weise und die, die finde ich auch alle ab und zu mal wieder. Das ist auch gut. Die liegen nicht immer alle präsent, aber die gehe ich ab und zu mal durch und so habe ich da viele Themen, die mich inspirieren. Ich habe auch eine Tafel an der Wand, wo ich noch mal für mich aufgeschrieben habe: Was ist eigentlich mein Purpose? Was möchte ich dieses Jahr gerne umsetzen? Was sind meine fünf, sechs wichtigen Themen für das Jahr, was aber vielleicht auch im Monat relevant ist, um das einfach ab und zu mal vor Augen zu haben und sich wieder zu fokussieren auf das, was wichtig ist.

    Rainer Münch: Ich würde an der Stelle gerne noch mal 'ne Brücke bauen zur Familien-Governance und Ihren persönlichen Werten, weil Sie haben ja auch betont, dass da auch eine Trennung stattfindet zwischen Familie und eben dem Management, wo die Stellen extern besetzt werden. Und Sie haben an verschiedenen Stellen schon betont, dass die Haltung natürlich 'ne wichtige, ein wichtiges Kriterium ist für die Besetzung von Vorstandspositionen. Wie bilden Sie sich denn eine Meinung zur Haltung eines Kandidaten, einer Kandidatin?

    Simone Bagel-Trah: Also ich finde, dass das mit zu den wichtigsten Themen gehört: Wer ist in Führungspositionen? Weil das auch die Kultur eines Unternehmens mitbestimmt. Wir kommen sicherlich immer von oben nach unten auch, auch durch: Welche Themen sind die relevanten? Wo werden Akzente gesetzt? Deshalb finde ich das enorm wichtig. Und ich bin zwar schon viele Jahre hier bei Henkel und lerne auch viel. Ich war aber nie Mitarbeiter hier. Ich habe hier keine Führungskarriere im Haus gemacht. Ich war nie im Accounting, ich habe nie F&E gemacht. Ich war auch nicht, nicht im Sales. Deshalb finde ich es umso wichtiger, dass wenn, wenn ich das selbst nie gemacht habe, dass ich die Menschen dahinter kenne, die das machen. Und so ist bei mir tatsächlich viel Zeit in meinem Kalender allokiert, in Gespräche, in Menschen kennenzulernen, um A) zu hören: Was machen die so jeden Tag? Dann lerne ich nämlich: Wie funktioniert das mit dem Accounting oder was macht F&E in der nächsten Zeit? Aber insbesondere, um zu verstehen: Was ist das für ein Mensch, der mir gegenübersitzt? Was hat er für Gedanken? Welche Fragen stellt er? Wessen Geistes Kind ist er? Das finde ich, finde ich total relevant. Und je weiter man nach oben in den Führungsetagen geht, sind sie alle fähig. Sie haben Performance gezeigt, sonst wären sie auch nicht so weit gekommen. Und umso wichtiger wird daneben dann eigentlich der Charakter und die Persönlichkeit. Was sind die Werte, nach denen diese Menschen entscheiden? Was leitet sie? Was ist deren Purpose? Was ist deren Antrieb? Und mir sind dann bei diesen Eigenschaften besonders wichtig, dass ja der Fokus immer darauf liegt: Wie können wir die Sachen voranbringen? Der Unternehmenszweck steht für uns alle ganz oben und in dessen Kontext agieren wir auch. Und dass es keine Persönlichkeiten sind, die Alleingänger sind, sondern großen Wert auf Team legen und auf Nachfolge, weil: Jeder ist ersetzbar, zumindest beruflich hier. Privat sehe ich das anders, aber beruflich sollte man natürlich wissen: Vor einem gab es Menschen und nach einem wird es auch welche geben. Aber dass diese Führungskräfte großen Wert darauf legen, ihre eigene Nachfolge gut vorzubereiten, sich um ihre Mitarbeiter, Mitarbeiterinnen zu kümmern, zu gucken, dass man ein gut zusammengesetztes Team hat, dass man aus der Vielfalt der Fähigkeiten, die hier da sind, auch Mehrwert schöpft und, ja, aufs Gegenüber wirklich eingeht, dass man gutes Miteinander hat, dass man am Menschen dahinter interessiert ist und dass Führungskräfte die Werte vorleben, die wir als Unternehmen haben oder eben auch als, die wir als Familie als wichtig erachten.

    Rainer Münch: Jetzt ist in der Wirtschaft momentan ein Thema in aller Munde, das ist KI. Sie haben es vorhin auch schon angeschnitten, dass da viele Unternehmen 'ne große Transformation erwarten und dass immer mehr sozusagen Menschen auch wirklich ersetzt werden durch KI oder zumindest ganz anders arbeiten und produktiver arbeiten mit KI. Was sind Ihre Perspektiven? Wie lässt sich sicherstellen, dass eine Werteorientierung von einem Unternehmen mit immer mehr KI-Einsatz nicht verwässert?

    Simone Bagel-Trah: Das ist eine extrem wichtige Frage und das wird auch für alle, würde ich sagen, eine große Aufgabe werden, dass wir einerseits als Unternehmen, aber auch als Privatperson in der Lage sind, KI positiv zu nutzen, weil es ist eine enorme Chance, die wir haben und haben wir alle schon gemerkt, was alles einfacher geht. Es darf aber zeitgleich nicht etwas werden, was man statt einer persönlichen Meinung verwendet. Es darf nicht sein, was man wirklich einfach austauscht oder unbesehen als die neue Wahrheit nimmt. Und da neigt der Mensch vielleicht manchmal aus Bequemlichkeitsgründen schon dazu, zu sagen: „Ja, das steht jetzt so, das nehme ich so.“ Dass es uns gelingt, die nachfolgenden Generationen ja anzulernen, damit A zu arbeiten, weil so wird es sein. Anders geht es gar nicht. Aber B auch immer anleiten, das kritisch zu hinterfragen, was da herauskommt, wirklich inhaltlich zu gucken: Kann das stimmen? Macht das Sinn? Das muss ich noch mal nachprüfen. Wie würde ich es denn auch selbst einordnen? Und wir alle wissen glaube ich, dass KI so gut ist, wie sie auch gefüttert wird und man immer überlegen sollte: Welches System benutze ich? Wer hat das eigentlich womit gefüttert und ist das jetzt die richtige Aussage, die da rauskommt? Insbesondere wenn man auf den Aspekt von Ihnen mit den Werten Wert legt.

    Rainer Münch: Glauben Sie, dass es da ganz unterschiedliche Herangehensweisen geben wird, die sich da entwickeln, wie sozusagen Unternehmen KI auch restriktiv handhaben, Leitplanken irgendwie integrieren und andere vielleicht da völlig ungezügelt draufgehen und dadurch vielleicht dann auch einen Wettbewerbsvorteil haben? Dass es auch 'n Risiko sein kann für ein Unternehmen, da vorsichtig zu sein?

    Simone Bagel-Trah: Es wird wahrscheinlich alles geben, wie so oft. Es gibt welche, die damit offener umgehen oder sorgloser, und andere, die damit restriktiver umgehen, weil sie sich mehr Sorgen machen. Und: Ich glaube, ich bin die Falsche zu beurteilen, wer am Ende die Nase vorn hat. Ich glaube, kurzfristig kann man vielleicht denken, macht das Sinn, sich jetzt nicht zu sehr zu begrenzen, sondern zuzusehen, dass man vorne auf der Welle mitschwimmt. Ich glaube, gleichzeitig hat ein sorgsamer Umgang damit viel Berechtigung, weil das Netz vergisst nie etwas, künstliche Intelligenz wahrscheinlich schon gar nicht. Und alles, was man da je hineingegeben hat, bleibt dann da auch da. Und will man das, will man das wirklich? Das sind Firmendaten, die sensibel sein können. Das sind persönliche Daten, die sicherlich sensibel sind. Und auch wenn es vordergründig nicht nach viel aussieht, was man da preisgibt, glaube ich, dass durch das Zusammenwirken von allen Netzen, die es mittlerweile gibt, über Sie und über mich da schon viel mehr drinsteht, als wir eigentlich wissen. Aber im Firmenkontext muss man natürlich trotzdem sagen, ist es für uns wichtig, Umsatz damit zu machen. Es ist für uns wichtig, all diese Technologien richtig zu nutzen. Ich bin überhaupt nicht dagegen, dass das genutzt wird. Ich glaube nur, der verantwortungsvolle Umgang damit wird einfach extrem wichtig, weil auch das Unternehmen Daten hat, die für die Firma wichtig sind, aber auch, auch personenbezogene Daten richtig handhaben muss.

    Rainer Münch: Jetzt ist KI in aller Munde aktuell. Was nicht mehr in aller Munde ist, ist Nachhaltigkeit. Es gab Fridays for Future, es gab viel Dynamik und auch viele Zielsetzungen der Unternehmen. Das ist alles wieder so ein bisschen verschwunden und hat sich stark abgeschwächt. Jetzt mit den, mit den aktuellen Situationen, was Brände angeht, ist es wieder ein bisschen präsenter, aber vielleicht auch nicht so, wie es mal war. Wie blicken Sie darauf, auf‘s Thema Nachhaltigkeit? Wo stehen wir da und wie geht's weiter?

    Simone Bagel-Trah: Ist für mich ein ganz zentrales Thema. War es schon immer, würde ich sagen, und ist es auch so geblieben und für Henkel zum Glück auch. Ja, es ist richtig, im Moment ist der Fokus etwas abgerückt, was ich sehr bedauerlich finde, weil ich glaube, dass sich das langfristig umkehren wird. Wir können es uns eigentlich gar nicht leisten, den Fokus darauf zu verlieren und wir sollten es auch nicht. Ich bin sehr dankbar, glücklich und fordere es auch regelmäßig ein, dass das Unternehmen in Bezug auf Nachhaltigkeit nicht an Dynamik verliert und die Ambitionen weiterhin hochhält. Das macht Henkel. Wir haben gerade eine neue Nachhaltigkeitsstrategie formuliert, wieder angepasst, die Ziele noch mal fokussierter, prägnanter formuliert. Wir haben uns Fokusfelder ausgesucht, in denen wir agieren möchten und lassen auch in den Ambitionen nicht nach, was ich extrem wichtig finde, weil als Unternehmen hat man eine besonders große Verantwortung, wie jeder von uns als Individuum auch, möchte ich nicht kleinreden. Wenn jeder von uns im Kleinen agiert, dann ist das in Summe unheimlich groß und viel und geht auch schnell und dann braucht man auf manche Regulierung gar nicht zu warten. Aber gleichzeitig haben die großen Unternehmen eine besondere Verantwortung. Und damit, weil sie groß sind, auch eine besondere Chance, Dinge zu verändern und damit direkt einen großen Einfluss auch zu haben, was ich als großen Vorteil empfinde. Sie sehen in mir eine große Verfechterin von Nachhaltigkeit, von Bio-Diversity. Aufgrund meines Studiums und meiner Interessen kann ich wirklich einem Regenwurm unglaublich viel Respekt entgegenbringen, weil ich den einmal aufgeschnitten und einmal seziert habe. Und wenn Sie das machen, dann eröffnet sich ein Universum an Schönheit, weil alles so filigran ist. Und zu realisieren, das existiert alles, finde ich faszinierend. Und das gibt's nur einmal auf unserem schönen Planeten Erde und wir sollten uns sehr gut überlegen, was wir machen, denn das hat alles Einfluss auch auf die Natur. Und die Natur braucht uns nicht, aber wir brauchen die Natur. Wenn man sich anschaut die Biomasse aller Säugetiere, dann sind 60 Prozent der Biomasse durch unsere Nutztiere vertreten, durch Kühe, Schafe, Ziegen. Dann sind es 35, 36 Prozent Säugetiere sind wir selber, die hier wohnen auf dem Planeten, in Biomasse ausgedrückt, und es sind nur 4 bis 5 Prozent Biomasse, die durch Wildtiere vertreten sind. Und daran sieht man schon, dass das ein Verhältnis ist, was vielleicht extrem ist. Und dass es enorm wichtig ist, eben diese Artenvielfalt zu schützen, weil jede Art auf der Erde hier eine biologische Nische ausfüllt und eine Aufgabe hat. Und wenn man an diesem Gleichgewicht etwas verändert, was wir Menschen ständig tun, dann hat man viele andere Sachen mit beeinflusst. Und ich glaube, dafür das Bewusstsein zu haben, ist ganz, ganz wichtig und Bio-Diversity ist relevant. Es ist heute noch schwer zu greifen und alles andere als einfach zu berechnen und zu gucken, welchen Einfluss haben Unternehmen darauf und wie kann man umgekehrt positiv darauf wirken, ist noch in den Anfängen, aber enorm wichtig. Und das ist ja nur eine Facette. Es gibt viele andere: CO2, Kreislaufwirtschaft, unsere Partner, unsere Lieferanten. Da gäbe es sehr viel zu erzählen und das mache ich auch weiterhin und sehr gerne.

    Rainer Münch: Ja, das finde ich auch schön. Da spürt man ganz viel Leidenschaft bei Ihnen, ne? Also ganz viel Begeisterung und auch positive Energie. Und das ist, glaube ich, ja auch der Schlüssel, dass es eine positive Besetzung gibt und nicht eine negative und Restriktionen und Auflagen, sondern wirklich auch, dass es erstrebenswert ist, da was zu tun, und dass es allen letzten Endes hilft. Ist denn in dem Zusammenhang die Internationalität der Familie eine Herausforderung? Weil ich sag mal, die ja zum Teil auf die Welt verteilt sind und da auch unterschiedlich geprägt sind vermutlich, was Nachhaltigkeit angeht. Oder ist man sich da noch sehr einig?

    Simone Bagel-Trah: Also da, da ist meine Wahrnehmung, sind wir uns alle sehr einig, auch vielleicht aus der Tatsache heraus, dass wir ein langfristig denkendes und generationsübergreifendes Unternehmen und auch in der Familie so sind. Ja, je älter und je größer die Familie wird, umso vielfältiger ist sie. Das ist in Bezug auch auf geografische Verteilung so, aber ich empfinde das eher als Vorteil, weil viele Strömungen dadurch sehr persönlich und präsent in Familientreffen und Zusammenkünften vertreten sind. Die heutige Möglichkeit, als junger Mensch zu lernen, zu reisen, mit eigenen Erfahrungen sich so auszustatten, ist ja noch mal ganz anders, als das zu unserer Zeit war. Ich finde das einen großen Vorteil, diese Vielfalt an Eindrücken und auch, auch Input, weil auch die junge Generation ja viel, ja, fragt, aber auch schon mit Ideen und mit möglichen Antworten kommt und das ist ja für die Diskussion immer gut.

    Rainer Münch: Jetzt machen Sie mit Henkel schon viel, was Nachhaltigkeit angeht, was Verpackungsreduktion und Klimaschutz etc betrifft. Zugleich gibt es natürlich auch immer Wettbewerber, kleine Wettbewerber häufig, die noch mal deutlich nachhaltiger sind. Also Anbieter wie jetzt No Planet B in Deutschland und auch viele andere, wo letzten Endes die Aufgabe von Henkel und vom Henkel-Vertrieb natürlich ist, das eigene Produkt zu verkaufen, was dann im direkten Vergleich weniger nachhaltig ist. Ist das eine Limitation Ihrer Größe letzten Endes, dass Sie da halt auch mehr Zeit brauchen, um da hinzukommen, oder wie schauen Sie da drauf?

    Simone Bagel-Trah: Das ist ein, ist ein ganz wesentlicher Punkt und die Antwort darauf ist gar nicht so einfach. Ich habe lange Zeit auch mich sehr stark gemacht und ausgesprochen für, bei uns im Portfolio, für kleinere Marken, die wirklich eine reine, ich sag jetzt mal, Biomarke oder Nachhaltigkeitsmarke waren und auch so ausgelobt waren und mir nur schwer verständlich war, dass wir damit nicht erfolgreich waren und ich viel hinterfragt habe, ob wir es alles so richtig machen. Aber ich auch sehe, dass viele dieser Marken, davon gibt es eine Reihe, aber jede von denen ist ... also manche schaffen es auch länger am Markt zu sein, aber viele sind nach einiger Zeit auch gar nicht mehr da. Und ich auch realisiert habe, dass es für uns als Unternehmen eine große Chance bedeutet, in unseren etablierten Marken Nachhaltigkeit zu integrieren. Denn wenn wir bei Persil nachhaltiger agieren, weil wir andere Rohstoffe einkaufen, weil wir die Formulierung ändern, weil wir Innovationen integrieren, die es ermöglichen, bei noch kälteren Temperaturen noch kürzer zu waschen und Persil ein Produkt ist, was es international oder in anderen Ländern mit anderen Markennamen, aber es ist eins unserer, unserer Flagship-Produkte. Und wenn wir damit nachhaltiger sind, auch wenn es vielleicht nicht als reine grüne Marke etabliert am Markt oder ausgelobt wird, aber wenn wir damit nachhaltiger sind, ist unser Einfluss eigentlich viel größer als den, den wir mit einer reinen kleinen Biomarke haben könnten.

    Rainer Münch: Gibt es in dem Zusammenhang denn eine Entscheidung, die Ihnen einfällt, wo Sie den Eindruck hatten, da muss ich mich jetzt so ein bisschen zwischen Purpose und Profit entscheiden und im Sinne des Unternehmens den Profit wählen?

    Simone Bagel-Trah: Wir haben manche Marken eingestellt. Da haben wir einfach dann keinen Gewinn mit gemacht. Das ist jetzt nicht für Profit, das war vielleicht dann gegen Verlust, aber die Erkenntnis zu haben, wir haben's versucht, wir haben alles Mögliche gemacht, aber es hat nicht zum Erfolg geführt. Wir waren aber auch mit manchen Produkten zu früh am Markt. Da war einfach der Markt noch gar nicht bereit dazu, dass das passiert. Das gehört aber zum Unternehmertum dann, dann auch dazu. Und manchmal stellt man auch fest, man würde gerne noch nachhaltiger agieren, aber es funktioniert noch nicht, weil die Ressourcen nicht da sind. Also wenn, gerade wenn es um Rezyklat geht und man, wir nehmen uns vor, den Anteil an Rezyklat in unseren Verpackungen zu erhöhen, funktioniert das nur, wenn auch dieser Rohstoff verfügbar ist. Und der ist nicht überall in allen Ländern in der notwendigen Qualität und vielleicht auch manchmal in dem nicht akzeptablen Preis verfügbar. Und dann macht man Zugeständnisse. Das ist im Einzelfall dann schade, aber ich muss auch sagen, wir sind alle auf einer Reise. Wir sind auf einer Reise. Wir bemühen uns jedes Jahr, besser zu werden und das werden wir auch. Und manchmal schafft man es nicht, jedes kleine Projekt, sofort von 0 auf 100 zu bringen, aber viele gleichzeitig jedes Jahr ein bisschen besser zu machen, ist in Summe nachher dann schon auch - funktioniert und ist befriedigend.

    Rainer Münch: Würden Sie denn sagen, dass für Henkel dann gilt Profit for Purpose? Dass Sie da eine Entwicklung auch vorantreiben, indem Sie erfolgreich wirtschaften?

    Simone Bagel-Trah: Wir hatten vor dem Interview kurz gesprochen, dieses Profit versus Purpose oder Purpose versus Profit, es muss gar kein Gegenteil, Gegensatz sein. Oft ist es beides, oft geht es Hand in Hand und das sehe ich bei Henkel bei ganz vielen Fragestellungen so. Und richtig ist auch, sehr oft: Man kann sich das mit Purpose dann besonders gut erlauben, wenn man überhaupt Profit hat. Und das, da haben Sie in Ihren vorhergehenden Podcast-Interviews oft Beispiele gehabt, die ich auch sehr, sehr, wirklich gut fand, mich gefreut hab. Die Unternehmen, vieles müssten sie nicht machen und sie machen es trotzdem aus Überzeugung, weil sie sagen, das lohnt sich zu fördern. Da werden Stiftungen gegründet, Wissenschaft wird unterstützt oder Soziales wird unterstützt aus dem Profit heraus, die die Unternehmung eben mit, mit ihrem Geschäftszweck dann auch erwirtschaftet. Und das ist deshalb schön, weil man natürlich auch Mitarbeiter damit noch, noch besser ins Unternehmen binden oder überzeugen kann, weil die mit, aus voller Überzeugung sagen: „Ich finde es schön. Ich bin stolz, dass mein Unternehmen Aktion X oder Y umsetzt und ich dabei bin. Und ich weiß, wenn ich meine Arbeit hier am Schreibtisch oder im Vertrieb oder woanders mache, dann ist es nicht nur für Profit, sondern es ist auch für gute und übergeordnete Themen der Fall.“ Vielleicht ein Beispiel aus unserer Unternehmensgeschichte, die auch diesen Dialog Profit und Purpose beschreibt, war unsere Entscheidung, das Geschäft in Russland aufzugeben, denn das war auch alles andere als einfach, denn wir hatten ein Geschäft vor 30 Jahren dort aufgebaut, etabliert. Es war ein profitables Geschäft, es war ein großes Geschäft. Wir hatten 2.500 Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter vor Ort, mehr als zehn Produktionsstätten, es war wirklich ein großes Business. Und dann zu überlegen: Können wir eigentlich unter den Konstellationen, Russland ist in die Ukraine einmarschiert und hat sie angegriffen, können wir unter der Konstellation das Geschäft weiter fortführen? Wollen wir das? Und diese Diskussion war intensiv, emotional und sachlich und anhand von Kriterien und hat nachher zu der Entscheidung geführt: Wir werden uns trennen. Aber das war eine Entscheidung gegen Profit, aus der Überzeugung heraus: Hier ist es uns wichtiger, nach unseren Werten entsprechend zu agieren, uns hinstellen zu können und zu sagen, wir haben diese Entscheidung getroffen, weil wir der Überzeugung sind zu dem Zeitpunkt damals, wir können und sollten nicht mit diesem Geschäft in Russland weiter fortführen und, weil das Land nicht so agiert, weil die Regierung, muss man sagen, nicht so agiert, wie wir das uns vorstellen und wie wir mit gutem Gewissen dort weiter agieren können.

    Rainer Münch: War das damals so, dass Sie sofort realisiert haben, welche Tragweite das haben würde, auch für das Unternehmen? Oder hat sich das erst über den Prozess und die Auseinandersetzung und die Reflektion dargestellt?

    Simone Bagel-Trah: Das war sicherlich ein Prozess, der über einige Wochen ging. Es war am Ende nicht sehr lang, aber es braucht auch etwas Zeit, um zu prüfen: Was haben wir da und was bedeutet auch ein Exit und wie können wir den überhaupt umsetzen? Weil sich von einem ganzen Land zu trennen, das zu entscheiden, ist das eine, es umzusetzen, ist das andere, weil ja plötzlich auch viele Restriktionen gegolten haben und viele Firmen ihre Unternehmungen dort eingestellt haben. Alleine das Land von der IT abzuschneiden, wo auch Henkel Russland mit SAP gearbeitet hat, aber SAP in Russland nicht mehr agiert, muss man trotzdem gewährleisten, dass der Unternehmensteil dort fortgeführt werden kann mit anderen IT-Lösungen. Das ist nur ein Beispiel. Es musste sehr gut geplant werden, damit es überhaupt funktioniert. Wir hatten aber eine Kriterienliste, anhand der wir immer uns in der Diskussion entlang gearbeitet haben, die sehr sachlich orientiert war, um zu gewährleisten, dass wir jetzt keine kurzfristige, nur emotional getriebene Entscheidung treffen, sondern dass wir das sehr gut unterlegen können mit den für uns relevanten Argumenten.

    Rainer Münch: Ich denke, zum Abschluss wird es noch mal ein bisschen leichter, wenn wir jetzt aus dieser Russland-Thematik kommen. Ich hatte Sie, wie all meine Gäste gebeten, sich eine Frage aus Max-Frisch‘ Fragebogen auszusuchen und Sie hatten: „Haben Sie Humor, wenn Sie alleine sind?“ ausgewählt. Wie kamen Sie auf diese Frage und was ist Ihre Antwort darauf?

    Simone Bagel-Trah: Ich hätte mehrere Fragen nehmen können. Ich hatte nachher zwei in die nähere Auswahl genommen und die eine wäre „Ist Natur Ihr Freund?“ Aber da dachte ich, kann ich auch schon an anderer Stelle in dem Podcast beitragen. Insofern fand ich das mit dem Humor schön, weil ich glaube, dass das enorm wichtig ist. Dass Humor im Leben eine wichtige Rolle hat und vielleicht gerade dann, wenn man auch mal alleine ist. Denn ich finde es so wichtig, sich selbst nicht zu wichtig zu nehmen, sich nicht zu ernst zu nehmen und das, was man macht oder einem widerfährt, auch so sehen zu können. Und ich glaube, jeder von uns hat Gelegenheiten im Kopf, da widerfährt einem ein Missgeschick. Also das Toastbrot fällt auf die falsche Seite, man kippt die Tasse um und alles ist nass. Dann denke ich immer: Komm, das sind die kleinen Widrigkeiten des Alltags, die der so für dich parat hat. Ist nicht weiter schlimm. Und wenn's Dinge sind, die von außen vielleicht kommen, wo man wirklich manchmal gar nichts dafür kann und man ist dann wirklich misslich schlecht gelaunt oder irgendwas, dann denke ich oft: Komm, jetzt stell Dir mal vor, es wäre nicht Du, der betroffen ist. Stell Dir vor, dieselbe Situation guckst Du Dir im Fernsehen an, eine Familienkomödie oder so. Du würdest herzlich lachen über die Situation. Und das hilft mir dann, einfach Abstand zu gewinnen und zu sagen: Ja, im Moment fühlt sich's nicht gut an, aber ehrlich gesagt, es ist nicht so wichtig, es ist nicht so schlimm. Ein Jahr von heute nach hinten betrachtet, hast Du es längst vergessen, und aus dem Weltall sind wir alle sowieso nicht so relevant. Ja, also bisschen Humor dabei zu haben, hilft, hilft immer.

    Rainer Münch: Kommt es vor, dass Sie alleine laut lachen oder ist es eher leise?

    Simone Bagel-Trah: Nö, ich kann auch laut lachen.

    Rainer Münch: Na, das finde ich schön. Und wie Sie sagen, würde ich auch so sehen, dass da ganz viel drinsteckt an Haltung, an Perspektive auf einen selbst, auf die Umgebung. Und ich kann mir vorstellen, dass gerade auch in Ihrer Rolle wahnsinnig wichtig ist, da sich nicht selbst zu wichtig zu nehmen und im Vordergrund zu sehen, sondern auch ein bisschen drauf zu schauen…

    Simone Bagel-Trah: … aber noch, noch, noch schöner als alleine zu lachen, ist natürlich, in Gesellschaft zu lachen. Was gibt es Schöneres als einen humorvollen Abend, eine tolle Unterhaltung oder auch manchmal ein Kabarett, wo man einfach anderthalb Stunden nonstop lachen kann? Das fühlt sich einfach extrem gut an.

    Rainer Münch: Ja. Das stimmt natürlich. Dann jetzt zu meiner Abschlussfrage. Gibt es denn ein persönliches Henkel-Lieblingsprodukt, was Sie haben?

    Simone Bagel-Trah: Ja, da habe ich natürlich mehrere, und die ziehen sich so durch den Alltag. Das sind dann meistens Konsumentenprodukte. Ich wasche total gerne mit all den Perwoll-Optionen für Sport, für Farbiges, für Schwarzes, für Weißes. Meine langen Haare freuen sich über die Gliss-Anti-Spliss-Kur und besonders gerne kleben tue ich mit dem Pritt-Stift. Wir haben dasselbe Geburtsjahr. Aber neben diesen so greifbaren Lieblingsprodukten gibt es bei uns in den Industrieanwendungen halt auch unglaublich viele spannende Geschichten zu erzählen. Gut die Hälfte unseres Geschäftes sind Industrieklebstoffe, dichten und Beschichtungen, die sich sehr trocken anhören, aber die total spannend sind. Wenn Sie wüssten, wo Sie heute schon überall in Kontakt gekommen sind mit unseren Klebelösungen. Das fängt an, weil wenn man die Kühlschranktür aufmacht, in Milchprodukten, in flexiblen Verpackungen, die man verwendet, wahrscheinlich in Ihren Sneakern, ganz bestimmt in Ihrem Smartphone, in Ihrem Tablet. Sie sind mit dem Fahrzeug und Flugzeug angereist. Überall sind Henkel-Klebstoffe drin. Und wenn man so eine rote Linie durchziehen würde durch alles, dann würden Sie viele rote Linien sehen. Und besonders begeistern kann ich mich im Moment für unsere Lösung, die wir in Infrastrukturthemen anwenden, wenn es darum geht, Windenergie zu erzeugen oder Pipelines für Gas, für Wasser und Ähnliches instand zu halten, dann bietet Henkel da tolle Möglichkeiten, denn es geht ja nicht nur darum, ein neues Windrad aufzustellen, sondern insbesondere die, die wir haben, auch langfristig am Laufen zu halten und zu reparieren, wo es was zu reparieren gibt. Und das Gleiche gilt für Pipelines, die ansonsten ein Loch haben oder stillgelegt werden. Und da bietet Henkel wirklich tolle Möglichkeiten.

    Rainer Münch: Ich denke, diese Produktbegeisterung ist ein schöner Abschluss, liebe Frau Bagel-Trah. Ich danke Ihnen ganz herzlich für das schöne Gespräch.

    Simone Bagel-Trah: Vielen herzlichen Dank, Herr Münch. Es hat Spaß gemacht.

    [Das Gespräch wurde aufgezeichnet am 29. Juli 2026.]

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